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Als Psychoanalytiker_innen sind wir von der Wirkkraft der psychoanalytischen Methode als Behandlungstechnik überzeugt und glauben an die Bedeutsamkeit und die Radikalität, die der Psychoanalyse und der Freud’schen Theorie noch heute zukommen.
Zugleich möchten wir das schwierige Verhältnis zwischen queeren Lebens- und Begehrensweisen und der Psychoanalyse problematisieren und Vorurteile abbauen. Diese Vorurteile bestehen auf beiden Seiten und führen dazu, dass einerseits die Psychoanalyse in den aktuellen Debatten um Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Transidentitäten etc. nicht als adäquater theoretischer wie klinischer Zugang wahrgenommen wird, und andererseits dazu, dass viele potentiell an der Psychoanalyse Interessierte aus Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung den Schritt nicht wagen, eine Psychoanalyse für sich in Betracht zu ziehen oder sich weiter und eingehender mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Diese Angst ist oft nicht unbegründet. Stereotypien über LGBTIQs werden in Vorträgen, Ausbildungsseminaren und Supervisionen weithin unhinterfragt reproduziert. In psychoanalytischen Erstgesprächen müssen sich potentielle nicht eindeutig heterosexuelle Analysand_innen mitunter kritische Bemerkungen zur ihrer Geschlechtsidentität, ihrem Begehren und ihrer Objektwahl gefallen lassen. Umgekehrt scheint dies nicht der Fall: eine heterosexuelle Orientierung wird nicht weiter hinterfragt.

Zwar wurde 1987 Homosexualität, die bis dahin als psychische Erkrankung galt, aus dem Diagnose-Manual (DSM) der American Psychiatric Association und schließlich 1992 aus dem ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) der WHO  gestrichen, und mittlerweile nehmen auch psychoanalytische Ausbildungsvereine homosexuelle Kandidat_innen auf (was transgender bzw. transidente Personen anbelangt ist der Diskurs von einer Entpathologisierung noch weiter entfernt), doch scheint sich der stereotype und diskriminierende Diskurs in der Psychoanalyse kaum verändert zu haben. Die Tatsache, dass nun zumindest Lesben und Schwule als Kandidat_innen in psychoanalytische Ausbildungsvereine aufgenommen werden, wirkt sich noch kaum auf die psychoanalytische Theorie und Praxis aus bzw. bleibt unthematisiert. Hinzu kommt, dass viele Analytiker_innen ihre sexuelle Orientierung noch immer verschweigen, aus Angst vor Diskriminierung und Ausschluss innerhalb der psychoanalytischen Vereinigungen.

Sigmund Freud selbst hat Homosexuelle nie von der psychoanalytischen Ausbildung ausgeschlossen und hat sich immer für eine Entpathologisierung der Homosexualität ausgesprochen. In einer 1915 ergänzten Fußnote zu den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ schreibt Freud: „Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben.“ (1) Zwar finden sich im Werk Freuds neben progressiven Aussagen zur Homosexualität auch solche, die problematischen Inhalts sind, auffällig ist jedoch, dass in der Rezeption der psychoanalytischen Theorie weniger die progressiven sondern eher die pathologisierenden Passagen im Werk Freuds der Homosexualität gegenüber zur Norm geworden sind, in der Stereotypien reproduziert wurden und werden. Vor allem durch die Auffassung, dass Identifizierung und Begehren zwangsläufig entgegengesetzt geschlechtlich codiert sind, wird Heterosexualität essentialisiert und andere Begehrens- und Objektwahl-Konstellationen werden pathologisiert bzw. als nicht existent aufgefasst. Jemand kann also nicht das Geschlecht haben, das er_/sie_ begehrt. (2) Die Lesbe etwa begehrt die andere Frau nur, weil sie selbst männlich identifiziert, der Schwule den anderen Mann, weil er weiblich identifiziert sei. Damit stellen alle möglichen Begehrenskonstellationen heterosexuelle Verhältnisse dar, die aufgrund des falschen (hier nämlich des gleichen) biologischen Geschlechts verfehlt werden. Ansätze, auch aus der Psychoanalyse selbst, die Frage der Identifizierung, der Annahme des Geschlechts und der Objektwahl komplexer zu denken, werden vom psychoanalytischen Mainstream kaum auf- oder ernst genommen.
Die Heteronormativität innerhalb der Psychoanalyse macht oftmals auch blind gegenüber den vielfältigen Problemen und Leiden denen LGBTIQs durch gesellschaftliche und politische Diskriminierung, den Prozess des Outings (3), Homo- und Transphobie, familiäre Konflikte etc. ausgesetzt sind.

Die Forschungsgruppe „q : p – Queering Psychoanalysis. Research Group on Bodies And Sexualities“ möchte sich dem Komplex Körper, Sexualitäten und Geschlecht im Besonderen in Zusammenhang mit queeren Perspektiven widmen. Mit dem Begriff „queering Psychoanalysis“ möchten wir die Logik und Idee des „Normalen“ in der Psychoanalyse kritisch hinterfragen und, ganz im Sinne Freuds, die Hierarchisierung, die sich durch die Entgegensetzung von „normal“ und „pathologisch“ ergibt, in Frage stellen. Wir möchten durch und mit der Psychoanalyse produktive theoretische und praktische Zugänge zu Körpern, Sexualität, Geschlecht, Identität, Identifizierung, etc. entwickeln bzw. weiterdenken. Und wir möchten vor allem auch einen Diskurs anstoßen, der nicht länger ein Diskurs über … ist, sondern ein Diskurs als und mit, oder wie die Philosoph_in und Filmemacher_in Trinh T. Minh-ha in ihrem Film „Reassamblage“ sagt: „I do not intend to speak about, just speak nearby.“ (4)

Fragen, die unsere Auseinandersetzung leiten, sind: Wie können Erkenntnisse der Psychoanalyse mit jenen der Queer Theory zusammengedacht werden? Welche Ansätze der Theoretisierung von Geschlecht, Gender, Sexualitäten, Praktiken, Identitäten etc. jenseits von Stereotypisierungen können für die Psychoanalyse wichtige Impulse liefern? Wie tradieren sich gesellschaftliche Vorurteile in Bezug auf Homo- und Transsexualität in der psychoanalytischen Theorie? Auf welche Weise können aktuelle gender- und queer-spezifische Ansätze Eingang in die psychoanalytische Ausbildung finden? Welche Bedeutung hat die sexuelle Orientierung der Analytiker_in für die Arbeit mit queeren oder heterosexuellen Analysand_innen?

Esther Hutfless, Anke Müller Morocutti, Barbara Zach

 

Anmerkungen:
(1) Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. in: GW, Band V, S. 44.
(2) Thomas Domenici, Ronnie C. Lesser (Hg.): Introduction to „Disorienting Sexuality. Psychoanalytic Reappraisals of Sexual Identities.“ Routledge, New York 1995, S. 3.
(3) Wir haben uns hier bewusst für den Begriff „Prozess“ entschieden. Ein Outing ist kein singulärer Akt, der mit einem Mal abgeschlossen werden kann. Die heteronormative Verfasstheit unserer Gesellschaft bringt es mit sich, dass LGBTIQs in jeder neuen Situation (z. B. neue Arbeitsstelle, Arztbesuch, Ausbildungsstelle etc.) mit der Frage des Sich-Outens konfrontiert sind und damit auch mit der Frage ob mögliche Diskriminierung in Kauf genommen oder aber das Privatleben geheim gehalten wird. Beides kann zu schwerwiegenden psychischen Konflikten führen.
(4) Reassamlage. 1982 (40 min., 16 mm).

 

 

English Version

As psychoanalysts we believe in the healing effects of the psychoanalytic method as well as in the importance and radicalness of Freud’s theories for today.
At the same time we would like to focus on the difficult relationship between queer ways of living and desiring and psychoanalysis, and we would like to contribute to the reduction of prejudices.
Prejudices exist on both sides and lead, on the one hand, to the fact that psychoanalysis will not be taken seriously as a theoretical and clinical approach within the current debates on sexual and gender identities, sexual orientation, trans-identities et cetera. On the other hand, many persons interested in psychoanalysis do not consider a psychoanalytic treatment for themselves or do not deal with psychoanalytic theory, due to fear of discrimination and of being stigmatized. This fear is not without reason. Stereotypes concerning LGBTIQs are uncritically reproduced in lectures, seminars and supervisions. In initial psychoanalytic interviews, non-heterosexual analysands are sometimes confronted with discriminating remarks on their sexual- and gender identity, their desire and object choice, while a heterosexual orientation is not put into question.

While homosexuality was removed from DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) in 1987 and finally from ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) in 1992 and meanwhile psychoanalytic associations tolerate homosexual candidates (concerning trans_ persons, the discourse is far away from non-pathologizing debates), it seems that discriminating discourses within psychoanalysis have not changed significantly. The fact that, at least, lesbians and gays are tolerated as candidates with psychoanalytic associations does not strongly affect psychoanalytic theory and practice or it remains unexpressed. In addition, being afraid of discrimination or exclusion, many analysts are still closeted within their associations and keep their sexual orientation a secret.

Sigmund Freud has never excluded homosexuals from psychoanalytic training and has always argued against pathologizing homosexuality. In 1919 he added a footnote to Three Essays on the Theory of Sexuality: “Psycho-analytic research is most decidedly opposed to any attempt at separating off homosexuals from the rest of mankind as a group of a special character. By studying sexual excitations other than those that are manifestly displayed, it has turned out that all human beings are capable of making a homosexual object-choice and have in fact made one in their unconscious.“ (1)
Indeed in Sigmund Freud’s writings there are statements of problematic content, besides modern and progressive statements on homosexuality. But it is noticeable that in the later reception of Freud’s theory the discriminating and pathologizing statements had become the standard. Especially the notion that identification and desire are necessarily of opposed sex essentializes heterosexuality, while alternative modes of desire and object choice are pathologized or treated as non-existent. One cannot be or identify with the same sex one desires. (2) For example: in traditional psychoanalytic theory the lesbian desires another woman because she herself is male identified; the gay man desires another man because of his female identification. This means that all configurations of desire are reduced to that of a heterosexual couple, only that finally it fails because of the wrong (here: the same) biological sex. Other, alternative perceptions within psychoanalysis that consider the question of identification, sex or gender and object choice in a more complex and non-discriminating way are not taken up or not taken seriously by the psychoanalytic mainstream.
Heteronormativity makes psychoanalysis blind to the many problems and sufferings of LGBTIQs through discrimination, homo- and transphobia, familial problems, et cetera.

The research group „q : p – Queering Psychoanalysis. Research Group on Bodies And Sexualities“ wants to deal with the research field of bodies, sexualities and gender, especially based on a queer perspective. By the term “queering psychoanalysis” we would like to challenge the logic and idea of the “normal” within psychoanalysis, and in following Sigmund Freud we would like to question the hierarchy that is constituted through the opposition of “normal” and “pathologic”. We would like to develop and advance productive and fruitful theoretical as well as practical approaches to bodies, sexualities, sex, gender, identity, identification et cetera based on psychoanalysis. And we would like to initiate a discourse which is no longer a discourse about … but a discourse as … and with … or, as the philosopher and film maker Trinh T. Minh-ha puts it in her film “Reassamblage”: “I do not intend to speak about, just speak nearby.“ (3)

Questions that guide our research: How could insights of psychoanalysis and Queer Theory be brought and discussed together? Which non-stereotype approaches of gender, sex, sexualities, practices, identities et cetera could provide important stimulations for psychoanalytic theories? In which ways is psychoanalytic theory influenced by societal prejudices concerning homo- and trans-sexuality? How would it be possible to include gender- and queer-specific perceptions into psychoanalytic education and training? Of which importance is the sexual orientation of the analyst within the psychoanalytic process?

Esther Hutfless, Anke Müller Morocutti, Barbara Zach

 

Notes
(1) Sigmund Freud: Three Essays on the Theory of Sexuality. In: The Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud, Volume VII (1901-1905), p. 144.
(2) Thomas Domenici, Ronnie C. Lesser (Hg.): Introduction to „Disorienting Sexuality. Psychoanalytic Reappraisals of Sexual Identities.“ Routledge, New York 1995, p. 3.
(3) Reassamlage. 1982 (40 min., 16 mm).

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