Freiberg 2014 oder die Hemmung über Homosexualität zu sprechen

Barbara Zach

Freiberg war nicht frei. Der freien Rede ging unter der drückenden Last des psychoanalytischen Erbes die Luft aus. Freiberg war auch kein Monte Veritá, der zur Erprobung neuen psychoanalytischen Denkens eingeladen hätte. Oder vielleicht doch, es gab die Einladung, doch niemand folgte ihr, obwohl viele gekommen waren. Zu groß war die Angst. War die Farbe des Tagungstitelblattes daran schuld? Unübersehbar prangte da das Thema „Homosexualitäten“ auf rosa Untergrund. „Was ist eigentlich die Farbe der Heterosexualität“, fragte Beate Hofstadler eingangs, „rosa und blau“ war die Antwort darauf und gleichzeitig das Schlusswort der Tagung von August Ruhs. Zwischen der Frage und der Antwort breitete sich eine beachtliche Lähmung unter den Teilnehmer_innen aus. Jedoch nur in jenen Räumen, in denen es um die fachliche Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema ging. Daneben, beim Frühstück, Mittag- und Abendessen, beim Rauchen, beim Kaffee oder in der Bar, im theoriefreien Raum gab es herzliche Begegnungen, freundliche Aufmerksamkeit und geistreichen Austausch im Anschluss an die hochinteressanten Vorträge. Diese Aufspaltung der Affekte war verblüffend. Dabei lag das Thema nach der Filmcollage von Beate Hofstadler über die Darstellung von Homosexualität und Homoerotik im Film und ihren historischen Wandel aufbereitet für alle Fragen und Antworten im Saal. Die innere Erregung war spürbar, doch sie konnte sich keine Wege ins Außen bahnen. Ilka Quindeau versuchte die anwesende psychoanalytische Gemeinde von der Überflüssigkeit der Kategorien Heterosexualität und Homosexualität zu überzeugen, was für sie schlüssig auch zur Auflösung der Kategorisierung der Menschen in Frauen und Männer führt. Doch eine Wortmeldung im anschließenden workshop pochte darauf, dass es doch Grenzen geben müsse in der Akzeptanz, die Pädophilie zum Beispiel. Da war die Angst! Die Angst vor Menschen, die Menschen ihres Geschlechts begehren, verborgen in der Assoziation der männlich konnotierten Pädophilie. Welche Sicherheit steht hier auf dem Spiel? Wie fragil muss eine Identität sein, um sich blitzartig in Gefahr zu wähnen? Und wie gefährdet fühlen sich diejenigen, die dazu schweigen? Im Vortrag von Martin Dannecker, gehalten von Sophinette Becker, war viel die Rede von der Angst der Psychoanalyse vor der männlichen Homosexualität. Die spürbare Lust an der Affirmation seiner Thesen aber war so schnell verschwunden wie sie aufgetaucht war. Christian Kläui schließlich begeisterte viele mit seinen Ausführungen was „hetero“-sexuell ist, mit der Betonung auf den Bedeutungsgehalt des Wortes: anders. Und wieder sprang der Funke zwar auf die Zuhörenden über, doch von dort nirgendwohin weiter. Selten war der Wunsch nach der Verabreichung von Wiederaufnahmehemmern so groß. Im geschützten Austausch im Rauchhof: „Das ist schon komisch. Wir reden von den Homosexuellen, über sie, aber wo sind sie?“ Was hätte es verändert, aufzustehen und zu sagen: „Ich bin homosexuell und Kandidatin im WAP“? Wohin hätte es geführt zu sagen: „Nun bin ich zwar zur Ausbildung zugelassen, aber in den Seminaren höre ich Sätze wie diesen: ‚Wir wissen nicht, ob es gesunde Homosexuelle gibt, denn die kommen nicht zu uns in Behandlung‘. Hätte ich sagen sollen, dass ich im Rundgang gefragt wurde: „Wie wollen Sie mit Menschen arbeiten, wenn Sie die Hälfte der Menschheit aus Ihrem Leben ausschließen?“ Hätten alle sich homosexuell identifizierenden Teilnehmer_innen ein T-Shirt tragen sollen? Aber in welcher Farbe und mit welchem Aufdruck? Hätten wir darauf aufmerksam machen sollen, dass es eine Psychoanalytikerin gibt, die ihre potentiellen homosexuellen Analysand_innen darauf hinweist, dass sie aus der Analyse als Heterosexuelle hervorgehen werden? Wie Phönix aus der Asche? All das wurde nicht gesagt. Zu groß war die Angst. Wie die Kaninchen vor der Schlange, aber wer oder was ist die Schlange? Der Vater der Urhorde und die in seiner Nachfolge stehenden Töchter und Söhne? Oder womöglich das Kaninchen nebenan, das sich als Schlange entpuppt? Oder ist es gar die Schlange, die jedem Kaninchen innewohnt, ein das Andere symbolisierendes Element, das die Ordnung stört und die althergebrachte Kategorisierung ins Wanken bringt? Denn, wenn das Andere in allen ist, kann doch keine Hälfte der Menschheit ausgeschlossen werden. Wo soll das hinführen, da muss es doch Grenzen geben!

Nähere Informationen zur Freiberg-Tagung zum Thema „Homosexualität“ finden sich unter:
http://www.psychoanalyse-freiberg.at/html/veranstaltungen.html

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