Hat die Psychoanalyse den Körper je schon gedacht?

Esther Hutfless

Als Philosoph_in und Queer-Theoretiker_in beschäftige ich mich lange schon mit Körpern. Mit der Frage ihrer Konstruktion und Dekonstruktion, ihrer Eingebundenheit in Diskurse, ihrer Geschlechtlichkeit; ich beschäftige mich mit Körpern, die zugleich auch Materie sind und als solche einen Eigensinn haben, mit Körpern, die als Materie mit anderer Materie und anderen Körpern interagieren, sie formen und von ihr/ihnen geformt werden,[1] mit dem, was ein Körper vermag, mit Körpern als zentralem Wahrnehmungsorgan, das uns in der Welt situiert. Diese Situierung ist nicht beliebig. Schwarze, weiße, weibliche, männliche, disabled oder queere Körper sind den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gemäß jeweils anders situiert, ihre Vermögen werden jeweils anders beschränkt und gelenkt, sie werden anders im Raum verteilt.
Körper haben auf unterschiedlichste Weise Gewicht.
Jean-Luc Nancy schreibt in Rückgriff auf Sigmund Freud: „‚Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon.‘ Das heißt, daß die ‚Psyche‘ Körper ist, und daß es genau dies ist, was ihr entgeht, und daß (könnte man denken) dieses Entgangene oder Entgehen sie als ‚Psyche‘ konstituiert, und zwar in der Dimension eines Sich-nicht-Kennen(-Könnens/Wollens).“[2]
Was der Psyche entgeht, scheint auch der Psychoanalyse zu entgehen. Als Psychoanalytiker_in, die sich ebenso mit Identitäten, Geschlecht, Sexualitäten, Begehren beschäftigt, scheint es, als klaffte in der Psychoanalyse eine Lücke was den Körper anbelangt. Ansätze aus der Philosophie oder Queer Theory scheinen daher in der Psychoanalyse so schwer anschlussfähig. Zwar wird der Trieb als körperlich, zumindest als Schnittstelle zwischen Natur und Kultur beschrieben, doch scheint die psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Trieb Körper letztendlich zu verfehlen. Körper werden weiters in der Psychoanalyse als das gesehen, über das nichts gesagt werden kann, als das, was sich der Sprache entzieht. Interessanterweise ermöglicht dies zugleich sehr wohl die Feststellung eines gewissen Mangels des Körpers, der wiederum als zentral für die Konstituierung der Psyche betrachtet wird. Der Körper wird weiters signifikant gemacht, das Unbewusste bedient sich seiner etwa im Agieren, er wird jedoch, so scheint es, in seinem Eigensinn verkannt.
Das Fehlen einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Körper in der Psychoanalyse erschwert meiner Auffassung nach eine Beschäftigung mit dem Konstitutionsverhältnis von Körper und Psyche, was notwendig wäre, um das komplexe Zusammenspiel von Identitäten und Körpern zu verstehen wie es in der Analyse von Queers und Trans_Personen evident wird, wenn es etwa um die Frage geht, warum kann es notwendig werden den Körper zu modifizieren anstatt die Psyche bloß an den Körper anzupassen, indem etwa ein vermeintlicher Konflikt gelöst wird. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass die Modifikation von Körpern nicht bloß ein Sonderfall von Trans_ darstellt, sondern, dass Körper immer modifiziert und manipuliert werden und in ein komplexes Verhältnis zur Konstruktion von psychischen Identitäten eingelassen sind.
Wenn ich hier dafür plädiere, Körper zu denken und zu bedenken, so bedeutet dies nicht, dass ich davon ausgehe, man könne den Körper einfach feststellen. Dies würde uns wieder in eine essentialistische und naturalistische Debatte führen. Es bedeutet jedoch, die Ausdehnung und den Entzug von Körpern zu bedenken. Ausdehnung, Entzug, bedeutet auch Spannung, Gegenzug, Berührung zu denken, zunächst auf einer ganz elementaren, materiellen Ebene, die Sinn macht. Denn die Welt, in die wir geboren werden, ist auch und zuallererst eine Welt der Körper.[3]

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu Sara Ahmed: Queer Phenomenology. Objects, Orientations, Others. Duke University Press, London 2006, S. 52.
[2] Jean-Luc Nancy: Corpus. Diaphanes, Zürich 2007, S. 23. Nancy zitiert Freud hier aus: GW XVII, Schriften aus dem Nachlass 1892-1938, Fischer, Frankfurt/M. 1999, S. 152.
[3] Vgl. Ebd. S. 31.

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