Vom Ankommen im Mainstream und dessen unangenehmen Antworten – zur aktuellen Gender-Debatte

Esther Hutfless

Es gibt immer wieder Kommentare, Artikel und Beiträge zum Thema Geschlecht bzw. Geschlechtertheorien, die, so scheint es, Gender Studies, Queer Theory und Feministische Theorie nicht als komplexe und weit verzweigte wissenschaftliche Diskurse und Disziplinen wahrnehmen und darum meinen, ausgehend vom Hörensagen, von unreflektierten Vorab-Urteilen oder bewussten Fehlinterpretationen argumentieren zu können.
Wie soll man da antworten? Soll man überhaupt?
Ich will es ein weiteres Mal versuchen, obzwar fraglich bleibt, ob mein Einfordern einer seriösen wissenschaftlichen und damit auch gesellschaftsrelevanten Debatte bei eben jenen Gehör zu finden mag.
In einem Kommentar von Hans-Geert Metzger zum Auftritt von Conchita Wurst in der Fernsehsendung „Menschen bei Maischberger“[1] veröffentlicht in der Online-Zeitung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) lese ich unter anderem Folgendes:
„Die Gendertheorien wollten ursprünglich eine Gleichwertigkeit zwischen Männern und Frauen herstellen. Im Laufe ihrer Entwicklung schälen sich allerdings radikalere und weitreichendere Ziele heraus. Einige Gendertheoretiker und -theoretikerinnen formulieren eine mehr und mehr offene Feindseligkeit gegenüber Heterosexualität. Heterosexualität wird bei Autorinnen wie Judith Butler fast selbstverständlich mit Zwang, Normierung und Herrschaft gleichgesetzt.“
Zum einen muss hier angemerkt werden, dass es eine ganze Reihe an verschiedenen progressiven Theorien und Diskursen zum Thema Geschlecht gibt, die sich nicht simpel unter das Banner einer angestrebten Gleichwertigkeit von Männern und Frauen subsumieren lassen. So haben einige Theoretiker_innen darauf hingewiesen, dass es eine derartige Gleichwertigkeit ohne die Dekonstruktion von „männlich“ und „weiblich“ gar nicht geben könne, andere haben eingebracht dass Geschlecht immer an andere Unterdrückungskategorien gebunden ist wie etwa race, class, sexuelle Orientierung, disability, etc. (vgl. dazu: Butler 1991, 2009, 1997; Irigaray 1979; Lorde 1984; Braidotti 1994; Spivak 1988) und Gleichwertigkeit bzw. Gleichheit, ­wie sie etwa Simone de Beauvoir (vgl. Beauvoir 2000) in den 40er Jahren eingefordert hat, darum eine Illusion bleiben muss. Die Auseinandersetzung mit Geschlecht abseits von einer simplen Gleichheitsphantasie oder juristischen Maßnahmen hat in der feministischen Theorie und in den Gender- und Queer Studies u. a. zu einem Aufgreifen des Foucaultschen Diskurs- und Machtbegriffs geführt. Wenn Herr Metzger also behauptet, Gender-Theoretiker_innen würden der Heterosexualität feindselig gegenüberstehen, so bleibt ihm hier die Auseinandersetzung mit Michel Foucault offenbar unzugänglich. Mit Foucault spricht Butler von einer heterosexuellen Matrix und meint damit ein gesellschaftliches System, das um die Bedeutung der Heterosexualität zentriert ist. Diese Argumentation Butlers scheint einfach nachvollziehbar, wenn man sich die gesellschaftlichen, medizinischen, pädagogischen, psychiatrischen und psychoanalytischen Diskurse um Homosexualität vor Augen führt, die immer als das Andere, das Abartige, das Pathologische einer Norm, in diesem Fall der Heterosexualität, entgegen gesetzt wird. Es handelt sich also nicht um eine individuelle Feindseligkeit gegenüber Heterosexuellen, sondern um ein Hinterfragen einer hegemonialen Heterosexualität.
Weiters geht Hr. Metzger in seinem Beitrag ganz automatisch davon aus, dass Conchita Wurst Bisexualität inszeniere. Hier sei nur kurz darauf verwiesen, dass das psychoanalytische Verständnis von Bisexualität wiederum auf die Binarität der Geschlechter und Sexualitäten, männlich/weiblich, homo-/heterosexuell verweist und diese Kategorisierungen nicht weitreichend genug in Frage stellt. Wie Judith Butler zeigt, geht Drag über diese Dichotomien hinaus und kann als queere Inszenierung gelesen werden (vgl. dazu 1997, 307 ff.).
Keinesfalls negiert Judith Butler den geschlechterspezifischen Körper, wie Hr. Metzger darüberhinaus behauptet.[2] Ganz im Gegenteil: Butler versucht immer wieder richtig zu stellen, dass auch ein Denken der diskursiven Hervorbringung von Geschlecht, den Körper in seiner Signifikanz beachten muss (vgl. Butler 1997).
Metzger unterstellt weiters Judith Butler, diese würde allein die Heterosexualität als prekäre Identität verstehen, die über eine melancholische Position hergestellt würde. In der gleichen Weise wie die Heterosexualität schreibt Butler jedoch auch über die Genealogie der Homosexualität, dass sie auf einer ausgeschlossenen Möglichkeit basiere, in diesem Fall der Heterosexualität. Sowohl Hetero- als auch Homosexualität basieren also auf einem Ausschluss bzw. auf einem Verlust, der, wenn wir Butler folgen, mittels melancholischer Besetzung eben nicht verarbeitet sondern festgehalten wird (siehe dazu Butler 2001, 125 ff.). Butler arbeitet präzise diskursanalytisch – weder privilegiert sie die eine noch die andere Position. Queere Identitäten müssen Butler folgend als ebenso prekär und von einem Mangel (wenn man sich hier Lacans Terminologie bedienen möchte) durchkreuzt gedacht werden und stellen keine fleischgewordenen narzisstischen Allmachtsphantasien dar. Dies wird ebenfalls in der klinischen Arbeit mit Gender Queers immer wieder deutlich.
Metzger attestiert Butler eine „Aggressivität gegen die Heterosexualität“ und erklärt diese – Reimut Reiche folgend – damit, dass Butler „eine böse Vorstellung vom elterlichen Koitus habe“. Derartige Theorien und persönliche Angriffe halte ich sowohl wissenschaftlich, als auch psychoanalytisch für absolut unseriös.
Gegen Ende seines Textes schreibt Metzger: „Die neuen Sexualitäten überschreiten nicht nur Grenzen und erschließen damit neue Möglichkeiten. Die Ablehnung der ödipalen Ordnung führt auch zu der Schwächung von Bindungen, der Angst vor Abhängigkeit und zu der fehlenden Sozialisierung der Aggression.“ Heterosexualität als gesellschaftliche Norm zu entlarven, wie Judith Butler dies tut, führt keineswegs zur Ablehnung einer ödipalen Ordnung oder zur Schwächung von Bindungen. Wie diese ödipale Ordnung gedacht werden kann, darüber allerdings gibt es nicht nur in den Gender Studies, sondern auch in der Psychoanalyse unterschiedlichste Auffassungen. Man denke hier etwa an die Konzeption des Symbolischen bei Jacques Lacan, der die Position des Vaters keineswegs real sondern als symbolische Repräsentanz versteht, die nicht immer und nicht ausschließlich vom biologischen Vater oder einem biologischen Mann verkörpert werden muss.

Hrn. Metzgers Stimme reiht sich in eine Vielzahl von kritischen Stimmen zu Gender Studies, Feministischer Theorie und Queer Theory, die sich in jüngster Zeit zu Wort melden. Wenn man bedenkt, dass Diskurse zu Fragen von Geschlechtlichkeit viele Jahrzehnte unbeachtete und belächelte Nischendiskurse waren, stellt sich nun die Frage, was passiert ist, dass offenkundige Nicht-Expert_innen sich derzeit autorisiert fühlen all diese Diskurse über weite Strecken ungelesen öffentlich zu kommentieren. Die Problematik scheint u. a. darin zu liegen, dass Gender-Themen über politische Interventionen wie Sprachregelungen (vom Autor Hans-Geert Metzger in seinem Text ebenfalls angeführt), Gender-Mainstreaming, Quotenregelungen, die vermehrte Gleichstellung von Homosexuellen etc. offenbar zu einem bedrohlichen Diskurs geworden sind, wobei all diese Fragen in den Gender Studies, der Feministischen Theorie und der Queer Theory selbst sehr kontrovers diskutiert werden und es keineswegs die einhellige Meinung gibt, dass es den komplexen Fragen der Gender Diskurse immer gut tut im Mainstream angekommen zu sein. Die Kehrseite zeigt sich in Wortmeldungen wie der von Hrn. Metzger – insbesondere darin, dass komplexe, vielschichtige, differenzierende Theorien plötzlich von einer Stimme des Mainstreams verkürzt, vereinnahmt und verstellt werden. Die frühen Forderung der Feminst_innen, den Weg ins Symbolische zu wagen, darf nicht damit verwechselt werden, den Weg in den Mainstream allzu unbedacht zu nehmen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu: http://www.psychoanalyse-aktuell.de/325+M5f5c7231a76.0.html?&tx_ttnews[day]=20&tx_ttnews[month]=09&tx_ttnews[year]=2015
[2] Hr. Metzger bezieht sich in dieser Behauptung zwar auf Ilka Quindeaus Buch „Sexualität“. In der angegebenen Quelle schreibt Quindeau jedoch nicht, dass Butler den Körper negiere.

Literatur:
DE BEAUVOIR, Simone: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt,Reinbek 2000.
BUTLER, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1991.
BUTLER, Judith: Die Macht der Geschlechternormen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009.
BUTLER, Judith: Körper von Gewicht. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997.
BUTLER, Judith: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Suhrkamp, Frankfurt/M.
IRIGARAY, Luce: Das Geschlecht das nicht eins ist. Merve, Berlin 1979.
IRIGARAY, Luce: Spiegel des anderen Geschlechts. Suhrkamp, Frankfurt/M., 1980.
LORDE, Audre: Age, Race, Class and Sex: Women Redefining Difference: In: Sister Outsider. Essays and Speeches, New York: Crossing Press 1984, S. 114-123.
BRAIDOTTI, Rosi: Nomadic Subjects. Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory, New York: Columbia University Press, S. 146-173.
SPIVAK, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? In: Cary Nelson & Lawrence Grossberg (Hgg.): Marxism and the Interpretation of Culture, University of Illinois Press, Chicago 1988.

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