„Es braucht eine kritische Masse“ – Ein Gespräch mit Ilka Quindeau

Esther Hutfless hat mit Ilka Quindeau über Laplanche, die Psychoanalyse als heteronormativen und kolonialen Diskurs, über Psychoanalyse und Geschlechterfragen, über die psychoanalytische Ausbildung und die Potentiale der Psychoanalyse gesprochen.

E.H.: Du beziehst Dich in Deiner Arbeit sehr stark auf Jean Laplanche. Mich würde interessieren wie Du mit seinen Ansätzen arbeitest, was für Dich die zentralen Aspekte seines Werkes sind, und im Besondern, was er unter „Identification by“ versteht. Mit Freud verstehen wir Identifizierung ja für gewöhnlich über das „mit“ – man identifiziert sich also mit jemandem. Was macht das besondere des „by“ im Werk Laplanches aus?

I.Q.: Für mich stellt der sogenannte Primat des Anderen in der Allgemeinen Verführungstheorie einen zentralen Aspekt im Werk Laplanches dar. Die Frage des Anderen hat Laplanche zunächst von Lacan übernommen, dessen Analysant und Schüler er war. Das große Verdienst Laplanches besteht darin, dass er Lacan vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Und das zeigt sich gerade in der Figur des Anderen, einem Konzept, das bei Lacan sehr abstrakt erscheint. Während der, die, das Andere bei Lacan im wesentlichen als symbolische Ordnung, insbesondere in Form der Sprache zu verstehen ist, die über Mutter und Vater vermittelt wird, versteht Laplanche den Anderen als ganz konkreten Anderen in der Beziehung zum Kind. Er macht deutlich, dass der psychische Konstitutionsprozess in der Beziehung zwischen dem „Subjekt“ – im wörtlichen Sinne als unterworfenes (sub-iectum) – und dem Anderen ein produktiver Prozess ist, der vom Anderen ausgeht. Von der grundlegenden Asymmetrie zwischen dem Säugling, der noch nicht über ein Unbewusstes verfügt, und dem Erwachsenen mit einem bereits ausgebildeten Unbewussten gehen die entscheidenden Impulse für die menschliche Entwicklung aus.

E.H.: Das heißt Identification by meint, dass es eine Identifizierung in Beziehung ist, also durch jemand anderen.

I.Q.: Ja. Der Identifizierungsbegriff, so wie wir ihn normalerweise verstehen, meint, das Kind identifiziert sich mit, was eine gewisse Aktivität des Kindes voraussetzt bzw. es scheint so, als ob die Identifizierung vom Kind ausgehen würde.
Laplanche macht mit dem Begriff Identification by deutlich, dass es genau umgekehrt ist, und die Identifizierung von den Erwachsenen ausgeht. Wenn wir nun an die Entwicklung zum Mann, zur Frau, etc. denken, so bedeutet dies auch, dass uns diese Form der Zuschreibungen vom Anderen her erreicht. Hier scheint es mir wichtig den konkreten Begriff des Anderen zu erweitern: Also nicht nur die primäre Bezugsperson, sondern auch die symbolische Ordnung, die Kultur oder andere als männlich oder weiblich identifizierte konkrete Personen. Dies sind keine Identifizierungen, die bewusst erfolgen würden, sondern die wesentlich eine unbewusste Dimension besitzen – und damit als „rätselhafte Botschaften“ fungieren, die das Kind zu entziffern sucht. Also in jenem Moment, in dem eine Mutter zu ihrem Kind sagt: Du bist Peter, mein Sohn… identifiziert sie ihn als männlich und es schwingen eine ganze Reihe dieser unbewussten, rätselhaften Botschaften mit, von denen manche zum kulturellen Konzept von Männlichkeit passen, manche aber auch nicht. Laplanche spricht in diesem Zusammenhang von ideosynkratischen Bedeutungshorizonten. Diese kennzeichnen die Verführungssituation und beschreiben jenen Prozess, durch den das Geschlecht in den kindlichen Körper kommt. Über die Mutter (und den Vater als primäre Bezugspersonen) vermitteln sich zum einen die symbolische Ordnung, die heteronormative Geschlechterordnung, aber zum anderen auch höchst individuelle Bedeutungsdimensionen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die aus der jeweiligen Lebens- und Familiengeschichte stammen. Ein wichtiger Aspekt der Verführungssituation stellt das sexuelle Begehren der Eltern dar – heute gehen viele psychoanalytischen Konzepte ja vom Bindungsbegriff aus, was jedoch eine entsexualisierte Version dessen darstellt, was in der Eltern-Kind-Beziehung geschieht. Mit Laplanche geht das Begehren von den Eltern aus und richtet sich an das Kind. Und dies ist als sexuelles zu verstehen, weil es unbewusst ist.

E.H.: Und nun stellt sich die Frage, wie man hier den Ödipuskomplex verortet.

I.Q.: In der Verführungssituation wird das Kind zunächst von den Eltern begehrt. Das unbewusste, sexuelle Begehren liegt unvermeidlich jeglichem Pflegehandeln zugrunde und nimmt die Form rätselhafter Botschaften für das Kind an, die den Kern des Unbewussten des Kindes bilden und die infantile Sexualität konstituieren. Den Ödipuskomplex verstehe ich als Antwort auf die Verführung: Das Kind beginnt nun seinerseits die Eltern zu begehren. Während das Kind zunächst Objekt des Begehrens ist, macht es sich nun zum Subjekt des Begehrens. In der Verführungssituation erfährt das Kind das Begehren passiv als Widerfahrnis und in der Ödipussituation wird das Kind zum aktiv begehrenden. Dass man den Ödipuskomplex in eine Kleinfamilie, eine heteronormative Ordnung einbettet, ist meiner Auffassung nach nicht erforderlich, denn es geht schlicht darum, Begehren passiv und aktiv zu erfahren. Ich denke aber schon, dass es wichtig für die kindliche Entwicklung ist, dass mehrere Personen für das Kind da sind. Das müssen nicht die leiblichen Eltern sein, aber für die Triangulierung braucht es ein Dreieck. Dies kann ein Partner oder eine Partnerin der Mutter bzw. des Vaters sein, es kann eine verwandte Person sein, es kann aber auch ganz unabhängig von Verwandtschaftsverhältnissen sein. Wichtig für den Ödipuskonflikt ist, dass gleich- und gegengeschlechtliches Begehren nebeneinander besteht.

E.H.: Du denkst Bisexualität ausgehend von Freud eher von einer biologischen Disposition her. Das bedeutet, es sind nicht gegengeschlechtliche Elternteile in der Entwicklung des Kindes erforderlich, sondern es gibt diese  biologische Disposition der Zweigeschlechtlichkeit in jedem Individuum. Und es gibt im Umfeld des Kindes ja auch sehr unterschiedliche Arten und Weisen Frau oder Mann zu sein, aber darüber hinaus auch mehr als diese zwei eindeutigen Geschlechter.

I.Q..: Ja, das würde ich genauso verstehen. Das freudsche Konzept der konstitutionellen Bisexualität scheint mir nach wie vor von großer Bedeutung für das Verständnis des Geschlechts, auch wenn es im psychoanalytischen Diskurs kaum noch eine Rolle spielt. Entscheidend dabei ist, dass Freud die Bisexualität nicht nur im Psychischen ansiedelt – etwa auf der Ebene der Identifikation mit beiden Elternteilen, sondern ganz unmittelbar im Körper. Das scheint mir eine Bereicherung auch für den poststrukturalistischen Geschlechterdiskurs, bei dem die körperliche Ebene ja nicht selten eine untergeordnete Rolle spielt. Vielleicht liegt dem das Missverständnis zugrunde, dass das Biologische im Sinne des Hereditären, des Anlage- oder Reifungsbedingten – eines biologischen Programms, mit dem ein Kind auf die Welt kommt – verstanden wird, und nicht auch im Sinne von etwas Erworbenem, von etwas, das sich in der Lebensgeschichte, in der Beziehung zum Anderen entwickelt. Mit der Konzeptualisierung des Triebs als Grenzbegriff hat Freud eigentlich den problematischen Dualismus von Körperlichem und Psychischem überwunden, allerdings ist er offenbar so tief in unserem Denken verwurzelt, dass wir immer wieder eine Trennung von Biologischem und Psychologischem vornehmen. Insbesondere im Geschlechterdiskurs scheint dies verbreitet. In der Psychoanalyse bestimmt etwa das Dreischichten-Modell von Robert Stoller zur Entwicklung der Geschlechtsidentität nach wie vor den Mainstream. Dort ist die Rede von einem biologischen Kerngeschlecht (sex), das von einer psychischen Kerngeschlechtsidentität (core gender identity) und darüber hinaus von einer sozialen Geschlechtsrollenidentität (gender role identity) umhüllt ist. Diese Identititäten sind entweder männlich oder weiblich. Dabei ist das Geschlecht gar nicht so monolithisch, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Männlichkeit oder Weiblichkeit sind Konstrukte. Was auf der Ebene des Psychischen oder Sozialen vermutlich umstandslos akzeptiert wird, gilt auch für die biologische Ebene. Auch das Körpergeschlecht ergibt sich nicht nur aus den primären Geschlechtsorganen, sondern ist aus verschiedenen Ebenen zusammengesetzt, etwa aus chromosomalen, hormonellen, anatomischen oder physiologischen Faktoren. Auf diesen Sachverhalt bezieht sich Freud mit seinem Konzept der konstitutionellen Bisexualität, wenngleich er dies nicht näher ausgeführt hat. Und wenn jeder Mensch beide geschlechtlichen Anteile, Männliches und Weibliches, in sich trägt, dann spielt das manifeste Geschlecht eine untergeordnete Rolle. Die Überbewertung des manifesten Geschlechts wird der Vielfalt und Variabilität des Geschlechts in jeder Person nicht gerecht.

E.H.: Es gibt in so vielen wissenschaftlichen Disziplinen aktuell spannende Diskurse zu Geschlechterfragen und trotzdem scheint die Psychoanalyse all das nicht aufzugreifen, vielleicht auch kaum wahrzunehmen. Würdest Du das auch so sehen?

I.Q.: Leider ja. Ich denke, es war früher eher umgekehrt. In den 1970er Jahren haben feministische Diskurse noch viele Ansätze von der Psychoanalyse aufgenommen und rezipiert. Im psychoanalytischen Geschlechterdiskurs gibt es jedoch kaum Veränderung. Wir stehen da vielfach noch bei Differenzansätzen, das wird ganz eisern verteidigt. Vielleicht liegt es daran, dass wir eine Berufsgruppe sind, die stark überaltert ist.
Für mich selbst war die Auseinandersetzung Judith Butler sehr wichtig, weil sie als erste die entscheidenden Fragen gestellt hat, die mich auch beschäftigt haben. Zum Beispiel ob geschlechterdifferente Körper unterschiedliche Phantasien produzieren oder ob umgekehrt auch die Phantasien unterschiedliche Körper produzieren. Ich finde, das sind ganz zentrale Fragen für uns als Analytiker*innen, denn genau damit haben wir es tagtäglich zu tun. Doch fürchte ich, dass bei nicht wenigen Analytiker*innen tatsächlich ein ganz simpler Biologismus vorherrscht: Eine Frau hat aufgrund ihres Körpers bestimmte weibliche Phantasien, weibliche sexuelle Wünsche und ein Mann hat aufgrund seines Körpers eben männliche. Judith Butler hat mit diesem naiven Biologismus gründlich aufgeräumt.
Meine Erfahrung war allerdings, dass Butlers Kritik von psychoanalytischer Seite nicht als relevante Kritik eingeschätzt wurde. Und außerdem will man vielleicht nicht so etwas Unklares, Uneindeutiges in einer Welt haben, die ohnehin schon so wenig überschaubar ist. Man wünscht sich Klarheit, zumindest beim Geschlecht.

E.H.: In Anbetracht dessen finde ich es gerade so erstaunlich, dass sich diese Unklarheiten, diese Auflösungen von Kategorien immer wieder im Freudschen Werk selbst finden, etwa in seinem Konzept der Bisexualität – aber auch da, wo er schreibt, dass die Heterosexuellen zumindest im Unbewussten auch eine homosexuelle Objektwahl vollzogen haben. All diese Aspekte, so scheint es, werden auch innerhalb der Psychoanalyse nicht immer so ernst genommen. Denn sonst würde klar, dass es hier keine Gewissheit, keine Eindeutigkeit gibt.

I.Q.: Ja, die Mehrdeutigkeit ist eigentlich konstitutiv. Es gibt ja auch das schöne Wort Ambiguitätstoleranz. Es handelt sich dabei genau um das, was man im Zuge des Durcharbeitens des Ödipuskomplexes erwerben kann – selbst in Lehranalysen. Aber auch schon bei Freud gibt es immer wieder diese anderen Tendenzen. Laplanche beschreibt die Freudsche Theorieentwicklung daher sehr schön mit den Begriffen von De- und Rezentrierung. Mit der Konzeption des Unbewussten machte er deutlich, dass der Mensch nicht „Herr im eigenen Haus“ ist und entlarvt die Illusion von Vernunft und Autonomie in der Moderne. Auch die polymorph perverse infantile Sexualität stellt solch ein dezentrierendes Moment dar. Auf der anderen Seite gibt es dann wieder rezentrierende Elemente wie etwa das Genitalprimat, mit dem Freud wieder schließt und begrenzt.
Ich denke, Freud hat unglaublich subversive Konzepte in die Welt gesetzt und hat sie dann – als wäre es ihm zu viel geworden – auch wieder ein Stück zurück genommen und beschränkt. So wie der Zauberlehrling, der plötzlich Angst vor dem hat, was er herbeigerufen hat und nicht mehr kontrollieren kann.

E.H.: Ich finde das sehr schön und sehr präzise das Unbewusste als Dezentrierung zu verstehen … Du warst drei Monate im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes in New York. Die psychoanalytische Debatte zu Fragen von Geschlecht, Gender-Identity, sexueller Orientierung etc. aber auch die Auseinandersetzung mit Gender Studies und Queer Theroy ist in den USA viel weiter als hierzulande. Zumindest in einigen psychoanalytischen Schulen und Communities – das muss man vielleicht fairerweise dazusagen. Wie hast du das erlebt bzw. welche Eindrücke hast Du mitgenommen?

I.Q.: Zunächst hab ich die Offenheit sehr positiv erlebt! Man sieht auch, dass die Institute ganz anders zusammengesetzt sind. In den Instituten gibt es viel mehr homosexuelle Kolleg*innen als in Deutschland; in manchen Instituten ist vielleicht die Hälfte der Mitglieder homosexuell. Das hab ich dort als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Bei uns gibt es ja noch immer sehr wenige homosexuelle Kandidat*innen und Mitglieder und die wenigen, die es gibt, werden nicht selten zu Expert*innen gemacht, die über alles mögliche Auskunft geben müssen.
Das hat sich in den USA in den letzten 20 Jahren komplett verändert. Homosexuelle sind in manchen Instituten keine Minderheit mehr und das macht eine ganz andere Atmosphäre. Hierzulande gibt es die leider noch immer teilweise durchaus berechtigte Furcht von Lesben und Schwulen eine Analyse zu beginnen. Man weiß nicht, an wen man gerät, und ob man homophob behandelt wird. Ich muss leider sagen, dass dies tatsächlich immer noch passieren kann. Also das heißt, in den USA hat sich ganz viel verändert; eine andere Zusammensetzung der Institute ermöglicht es, dass andere Themen aufkommen und diskutiert werden können. Ich habe aber auch einen Kollegen getroffen, der sehr kritisch war. Er meinte, die Aufnahme von Schwulen und Lesben habe einen hohen Preis gerade für diese Gruppe: Es komme zu einer Heterosexualisierung der Homosexuellen. Um in analytischen Instituten aufgenommen zu werden, müssten Homosexuelle ihre Lebensentwürfe an die heteronormative Norm anpassen. Das heißt, das Subversive an schwulen oder lesbischen Lebensentwürfen geht verloren. Und das bedeutet, die Öffnung der Institute führt möglicherweise zu einer starken Anpassungsleistung an die Heteronormativität. Das fand ich einen sehr interessanten Gedanken.

E.H.: Als ich begonnen habe mich für die psychoanalytische Ausbildung zu interessieren, habe ich Bekannte gefragt, wie es Ihnen im Aufnahmeprocedere ergangen ist. Wie läuft das ab, wie soll man sich verhalten? Was ist akzeptiert und was nicht? Mir wurde immer gesagt, dass man schon ein bestimmtes heteronormatives Beziehungsmodell vertreten muss, damit man zum Beispiel als beziehungsfähig eingeschätzt wird.

I.Q.: Genau das meine ich. Diese heteronormativen Lebensentwürfe verbinden sich mit der Vorstellung von psychischer Gesundheit. Promiskuität zum Beispiel fällt sofort unter Nicht-Beziehungsfähigkeit und wird pathologisiert. Es ist ein Problem, dass sich die Heteronormativität so mit den Vorstellungen von psychischer Gesundheit amalgamiert.

E.H.: Es gibt in den USA auch die ersten Trans*Analytiker*innen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es da dasselbe Problem gibt. Darf man zum Beispiel sagen, ich bin Trans*, aber ich bin auch queer und vollziehe die Transition nur bis zu einem bestimmten Grad, ich bleibe dazwischen? Eine nicht eindeutige Identifizierung wird auch sofort pathologisiert.

I.Q.: Ja, das würde ich auch als Problem sehen. Unsere normativen Vorstellungen sind so stark und passen aber eigentlich so wenig zur Psychoanalyse. Ich habe in New York mit zwei Trans*-Kolleg*innen gesprochen, und eine*r der* beiden hat mir auch von ihren*seinen Schwierigkeiten im Zuge der Ausbildung berichtet. Er* hat die Ausbildung als Frau begonnen und hat dann im Rahmen der Analyse begonnen sich als Mann zu identifizieren. Es wurde ihm* vorgeworfen, dass er* die Ausbildungskommission getäuscht hätte und sich im Vorfeld als Frau getarnt hätte, wobei er* in Wirklichkeit aber schon als Mann identifiziert gewesen wäre. Ich denke, dass das, was wir unter Ödipuskomplex verstehen – dessen Durcharbeiten zu einer geschlechtlichen Identität führt – sich nicht nur im Alter von fünf Jahren ein für alle Mal ereignet sondern an verschiedenen Knotenpunkten des Lebens immer wieder durchgearbeitet wird. Es scheint mir vollkommen plausibel, dass sich das durch eine Analyse verändern kann und man wundert sich eigentlich, dass das so selten passiert.
Einen ähnlichen Umgang gab es früher ja auch mit Homosexuellen. Man hat ihnen auch vorgeworfen, dass sie ihre sexuelle Orientierung verschwiegen hätten.
Einer* der beiden Trans*Analytiker* meinte, sie würden sich jetzt wie die neuen Schwulen fühlen. Es gibt die gleichen Konflikte wie einst um die Zulassung von Homosexuellen, aber zugleich gibt es doch Hoffnung, dass sich dadurch, dass es nun viel mehr homosexuelle Kolleg*innen gibt, etwas ändert. Und es ist tatsächlich so, dass diese dafür eintreten, dass es den Trans*kolleg*innen nicht genauso ergeht, wie den Homosexuellen vor 20 Jahren. Aber um etwas verändern zu können, braucht es eine „kritische Masse“ auch an unseren Instituten im deutschsprachigen Raum. Es ist zu wenig, wenn es nur ein bis zwei homosexuelle Kolleg*innen in einem Institut gibt. Ich glaube, es ist wichtig, dass man nicht nur einzelne zulässt, sondern gleich mehrere, die sich dann auch als Gruppe verstehen können. In unserer Ausbildung, in den Theorieseminaren ebenso wie in der Kasuistik und Supervision, herrscht leider immer noch ein stark heteronormatives Denken und es gibt kaum ein Bewusstsein dafür, dass man damit andere ausschließt.

E.H.: Ja und man wird dann in den Theorieseminaren in diese seltsame Rolle der „Betroffenen“ gebracht oder muss diese Rolle einnehmen, weil sonst niemand eine kritische Position einbringt.

I.Q.: Von was „betroffen“? Von Homophobie betroffen! Ich finde das Problem der Homophobie stellt nicht das Problem der Homosexuellen dar, sondern es ist ein Problem der Mehrheitsgesellschaft. Das müssten die Institute endlich mal als ihre Verantwortung begreifen.

E.H.: Das ist ein sehr wichtiger Gedanke! Hierzulande – habe ich den Eindruck – begreift man das überhaupt nicht als Verantwortung der Institute. Während zumindest auf IPA-Ebene im Sinne einer Political-Correctness-Policy gehandelt wird, es Behandlungsempfehlungen gibt und eine nicht-pathologisierende Haltung auch offiziell transportiert wird – wie auch immer das dann umgesetzt wird und was auch immer real dahinter steht – hierzulande gibt es nicht einmal das.

I.Q: Solche Nicht-Diskriminierungserklärungen sind in unserer Kultur leider nicht so verbreitet. Eigentlich finde ich solche Erklärungen auch zu wenig, aber vermutlich wäre es zumindest besser als der Status quo. Wir haben in Frankfurt gerade einen LGBT* Arbeitskreis gegründet, um uns auf Institutsebene mit den konkreten Praktiken der Ausgrenzung zu befassen und dafür zu sensibilisieren. Von Kolleg*innen in New York habe ich die Einschätzung gehört, dass die Aufarbeitung der Diskriminierung bzw. ein veränderter Umgang mit Homophobie eine wichtige Voraussetzung für den Fortbestand der Psychoanalyse in den USA sei. Dies hängt sicher mit der gesellschaftlichen Ächtung von Diskriminierung dort im Allgemeinen zusammen, aber ich glaube schon, dass die Diskriminierung im Kern unserer Institutionen die Analyse zerstört. Das betrifft die sexuelle Orientierung als Diskriminierungsgegenstand und kann auch im Sinne der Intersektionalität erweitert werden. Die Psychoanalyse ist nicht nur heteronormativ, sondern auch rassistisch, eurozentristisch – ein kolonialer Diskurs.
Eigentlich müssten wir als Analytiker*innen ein genuines Interesse daran haben, diskriminierende Strukturen und Praktiken in der eigenen Institution aufzudecken, weil sie die Methode zerstören.

E.H.: Ich finde, das ist eine ganz wichtige Position! Ich denke, dass es gerade eine Stärke der Psychoanalyse sein könnte, sich immer wieder auf ihre eigene Methode zu besinnen und gerade im Sinne Freuds auch immer wieder die eigenen theoretischen Konzepte kritisch zu befragen und damit in Bewegung und lebendig zu halten. … Was ich an der Psychoanalyse immer wieder spannend finde, dass man viele Dinge, die einer von und mit der Psychoanalyse vorgeworfen werden, im Rückgriff auf psychoanalytische Konezpte aber zugleich auch entkräften kann. Wenn etwa Analytiker*innen der Queer Theory immer wieder vorwerfen, diese würde mit ihren identitätskritischen Haltungen eine pathologische und psychotische Subjektstruktur verherrlichen, so kann man mit der Psychoanalyse zugleich antworten, dass auch die Psychoanalyse keine fixen Identitäten denkt, sondern verschiedene Formen von Identifizierungen, die auch zugleich nebeneinander bestehen. Und das gerade das Kernkonzept der Psychoanalyse, nämlich das Unbewusste, dieses Reservoir für die verschiedenen auch widersprüchlichen Identifizierungen darstellt.

I.Q.: Ziel der Analyse ist es, die eigene Begrenztheit zu erkennen. Das bildet meiner Ansicht nach keinen Widerspruch dazu, unterschiedliche geschlechtliche und sexuelle Identifizierungen in sich anzuerkennen.

E.H.: Das ist etwas, was Trans*Personen immer wieder unterstellt wird. Dass sie Allmachtsphantasien hätten und versuchen würden, sich über die eigene Begrenztheit hinwegzusetzen. Ich glaube, dass das eine falsche Unterstellung ist. In jeder Entwicklung ist es ein notwendiger Schritt sich mit der eigenen Potenz aber dann auch mit dem eigenen Mangel auseinanderzusetzen.

I.Q.: Ja, ganz bestimmt. Und ich denke, man kann sich viel Pathologisierung ersparen, wenn man der freudschen Vorstellung folgt, dass man sowohl Mann als auch Frau ist und von dem einen vielleicht mehr als vom anderen. Und man nicht einfach vom phänomenologisch Äußerlichen ausgeht.

 

Ilka Quindeau ist Soziologin, Psychologin und Psychoanalytikerin. Sie ist Professorin für klinische Psychologie an der Frankfurt University of Applied Sciences, Lehranalytikerin der DPV/IPA und niedergelassen in eigener Praxis.
Jüngste Publikationen:
Verführung und Begehren – Die psychoanalytische Sexualtheorie nach Freud. Klett-Cotta 2008.
Sexualität. Psychosozial Verlag 2014.
Zs. mit Frank Dammasch: Männlichkeiten. Wie weibliche und männliche Psychoanalytiker_innen Jungen und Männer behandeln. Klett-Cotta 2014.

 

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