Psychoanalyse und Identität – Zur Kritik einer Illusion

Esther Hutfless

Vortrag gehalten im Rahmen von „Feminismen diskutieren“ des Verbandes feministischer Wissenschafteri*nnen am 8. November 2016 im depot Wien.

Ich möchte mich in meinem Beitrag kritisch mit dem Identitätsdenken in der Psychoanalyse aus queerer Perspektive auseinandersetzen. Der Begriff bzw. das Konzept „Identität“ stellt ursprünglich kein freudianisches bzw. psychoanalytisches Konzept dar, sondern hat erst sehr spät – in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts – in die psychoanalytische Theorie Eingang gefunden. Seither hält es sich jedoch recht nachhaltig innerhalb der Psychoanalyse, und zwar vor allem wenn es um Geschlechterfragen geht und darum die Queer Theory zu kritisieren und zu pathologisieren. Das Konzept Identität ist darüber hinaus in den von der Psychoanalyse beeinflussten medizinischen und gesellschaftlichen Diskursen präsent. Dem entgegen steht meiner Auffassung nach Freuds Konzept des psychischen Apparats, der immer konflikthaft gedacht wird, bestehend aus den verschiedenen Instanzen Ich, Es, Über-Ich und den widersprüchlichen Trieben und den Topoi Bewusst, Vorbewusst, Unbewusst.

Wenn man heute Queer Theory und Psychoanalyse in einen produktiven Dialog bringen möchte, und ich halte dieses Projekt für wichtig, um die vielfachen Pathologisierungen und die unhinterfragten heteronormativen Paradigmen in der Psychoanalyse zu dekonstruieren, so stellt sich das Problem der Identität häufig als Knack- und Konfliktpunkt dar. Während queere Theoretiker*innen sich immer wieder produktiv mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt haben – wie u. a. Judith Butler, Teresa de Lauretis, Leo Bersani, Tim Dean, Lee Edelman, Paul Preciado – um nur einige zu nennen, stößt die Queer Theory noch immer auf große Skepsis innerhalb der psychoanalytischen Theoriebildung.

Die von der Queer Theory betriebene und geforderte Dekonstruktion von Identitäten führe, so eine häufig formulierte Kritik von psychoanalytischer Seite, zur Destabilisierung des Subjekts, zur Psychose, gehe mit einem Größenwahn einher und führe zur illegitimen Vermischung von Politischem und Psychischem. Judith Butlers Theorien und andere queere Ansätze werden von einigen Psychoanalytiker*innen diskreditiert und pathologisiert, indem ihnen u. a. eine Borderline Struktur unterstellt und sie quasi mit einer psychiatrischen Diagnose bzw. einer pathologischen Persönlichkeitsstruktur in einen Topf geworfen werden.

Die Kritik an Identitätspolitik und die Dekonstruktion der regulativen Idee „Identität“ stellt eines der zentralen Anliegen der Queer Theory bzw. queerer theoretischer Ansätze dar. Der identitätskritische Ansatz der Queer Theory wurde, kann man sagen, aus zwei Richtungen beeinflusst. Das eine ist der poststrukturalistische Diskurs, ein wissenschaftlicher Diskurs, der das Subjekt mit seinem Körper, seinem Begehren, seiner Sexualität usw. als durch Machtwirkungen hervorgebracht versteht und der die enge Verknüpfung von Machtbeziehungen und Identitätskategorien aufgezeigt hat. Michel Foucault ist hier als eine wichtige theoretische Referenz zu nennen. Die zweite Einflussrichtung kommt aus der feministischen und schwul-lesbischen Kritik an Identitätspolitiken, wie sie in der Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegung praktiziert wurden und zum Teil noch immer praktiziert werden. Unter Identitätspolitik versteht man eine politische Strategie und Praxis, die sich weniger ausgehend von politischen Programmen, Manifesten oder Utopien realisiert, sondern die ausgehend von einer bestimmten marginalisierten sozialen Gruppe agiert. Ausgangspunkt einer auf Identität gegründeten Politik ist die Tatsache, dass in einer Gesellschaft bestimmte soziale Gruppen unterdrückt bzw. ausgeschlossen werden. So sind etwa die feministische Theorie und die Frauenbewegung „davon ausgegangen, daß eine vorgegebene Identität existiert, die durch die Kategorie ‚Frau(en)‘ bezeichnet wird“ (Butler 1991: 15). Wie Michel Foucault gezeigt hat, werden jedoch genau jene Identitätskategorien, auf die sich politisch berufen wird, zugleich durch Machtregime hervorgebracht und reguliert.

Darüber hinaus führt Identitätspolitik unweigerlich zu einer Vereinheitlichung der jeweiligen Gruppe auf die sich politisch berufen wird (Frauen, Homosexuelle, Migrant*innen, … ) und zur Nivellierung von Differenzen. Identitätspolitik führt mitunter auch dazu, wie etwa Judith Butler in ihrer Rede am CSD 2010 in Berlin kritisch angemerkt hat, dass sich Schwule, Lesben, Trans* im Namen der Freiheit eines Staates oder der „Werte der westlichen Kultur“ von nationalistischer, islamophober, und rassistischer Politik vereinnahmen lassen.[1]

Die sehr politische Auseinandersetzung mit „Identität“ von Seiten der Queer Theory – sowohl theoretisch als auch praktisch – führt in psychoanalytischen Diskussionen oft dazu, dass eine Verwechslung von Politischem mit Psychischem unterstellt und die queere Kritik an Identität in Zusammenhang mit psychischer und geschlechtlicher Kohärenz nicht akzeptiert wird. Versteht man das Subjekt jedoch als eines, das in seiner Genealogie radikal auf andere angewiesen ist, als ein Subjekt, das durch Machtwirkungen hervorgebracht wird, das Ideale inkorporiert – ein Subjekt wie es sich auch in der psychoanalytischen Theorie findet –, so lässt sich Psychisches kaum von Politischem trennen. Die regulative Idee „Identität“ zeitigt ihre Wirkungen auch in den einzelnen Subjekten und deren Psychen; jene Subjekte, die die Vorstellung einer kohärenten körperlichen, sexuellen und geschlechtlichen Identität unterlaufen, werden im westlichen Diskurs pathologisiert. Einen solch pathologisierenden Diskurs stellt wissenschaftshistorisch auch immer wieder die Psychoanalyse dar, die sich ebenso wenig wie andere Diskurse aus dem Spannungsfeld zwischen der phänomenologischen Beschreibung einer Wirklichkeit und deren Konstruktion herausnehmen kann.

Ich möchte zeigen, dass Identitätskritik sehr wohl mit psychoanalytischen Konzepten vereinbar ist und dass die queere und feministische Kritik an Identität keineswegs vollkommene Beliebigkeit bedeutet oder gar in der Psychose endet.

Beidem – Psychoanalyse und Queer Theory – liegt vielmehr eine bestimmte Subjektposition zu Grunde, die man u. a. als dezentrales, konflikthaftes, durchkreuztes, unterworfenes Subjekt umschreiben kann. Damit bilden Psychoanalyse und Queer Theory vielleicht zwei mögliche Enden jener rhizomatischen Bewegung, die das hervorgebracht hat, was man das „postmoderne Subjekt“ nennen kann. Die von Freud eingeleitete kopernikanische Wende im Denken des Subjekts, das sich seiner selbst nie gänzlich bewusst ist, das bestimmt ist von unbewussten Wünschen und Trieben, das weder autonom noch vernünftig handelt, hat unbestritten erheblichen Einfluss auf die Entwicklung jener poststrukturalistischen Subjekttheorien der 70er Jahre, die wiederum die Queer Theory maßgeblich theoretisch beeinflusst haben.

Identität fand als Begriff und Konzept, das die Einheit und Kohärenz eines Ich oder Selbst beschreibt, erst ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Psychoanalyse Verbreitung und zwar vor allem durch die durchaus viel kritisierte amerikanische Ich-Psychologie.[2] Interessant ist, dass dieser Begriff der Identität zu einem Zeitpunkt im Diskurs auftaucht, zu dem „Transsexualität“ ins Zentrum des medizinischen und psychiatrischen Interesses rückt –­ dazu später noch mehr.

Bei Freud selbst findet sich der Begriff Identität zwar auch, er verwendet ihn zumeist jedoch im Sinne einer inhaltlichen Übereinstimmung zweier Sachverhalte und nicht als theoretisches Konzept, das so etwas wie Stabilität, Kontinuität, Kohärenz oder Einheit des Subjektes beschreibt. An einer Stelle – in der Ansprache an die Mitglieder der jüdischen Loge B’nai B’rith von 1926 – beschreibt Freud mit Identität eine Gemeinsamkeit, etwas, das von einer Gruppe geteilt wird – im genannten Fall spricht Freud über die innere jüdische Identität, warnt zugleich aber auch vor dem „unheilvollen und ungerechten“ einer nationalen Identität (Freud 1926: 52). An einer anderen Stelle, in der Massenpsychologie schreibt Freud: „Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Erwachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Triebregungen und Zielstrebungen“ (Freud 1921: 84). Das Konzept Identität als Kohärenz eines Subjekts, Ich, oder Selbst, so wie wir es heute verstehen, findet sich jedoch in dieser Form nicht im Freudschen Werk.

Grob zusammengefasst lässt sich der Identitätsbegriff in der Psychoanalyse ab den 50er Jahren in zwei konzeptionell verschiedenen theoretischen Ansätzen finden: Einerseits wird mit „Identität“ die Kohärenz, die Kontinuität und Einheit eines Individuums in den Fokus genommen; andererseits wird „Identität“ vor allem in Form von Geschlechtsidentität als Ergebnis der psychosexuellen Entwicklung verstanden. Exemplarisch möchte ich je einen Vertreter dieser zwei Richtungen skizzieren.

Ein prominenter Vertreter* des erstgenannten Ansatzes in der Psychoanalyse ist der Ich-Psychologe Erik H. Erikson. Die Auseinandersetzung mit Identität ist für Erikson in den 50er Jahren ebenso bedeutend und zentral wie die Auseinandersetzung Freuds mit der Sexualität um 1900 (vgl. Erikson 1977: 256). Erikson beschreibt Identität als etwas, das das erwachsene Individuum aus all seinen früheren Erfahrungen entwickeln muss, um in der Welt bestehen zu können (vgl. Erikson 1956: 56). Identifizierungen allein – d. h. die partielle Einverleibung von Aspekten anderer, des Vaters, der Mutter, der Tante, der Freundin, der Rivalin etc. – führen Erikson zufolge nicht zu einer funktionierenden Persönlichkeit – aus früheren Identifizierungen muss eine kohärente und plausible Einheit entstehen, eine Gestalt, die mehr ist, als die Summe ihrer Teile (ebd. 67f.). Identität begreift Erikson als psychosoziales Phänomen, das im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft entsteht. Sein Identitätskonzept geht also über dasjenige einer rein inneren psychischen Einheit hinaus und berücksichtigt ebenso die Übereinstimmung mit Gruppen-Idealen oder -Identitäten. Während Erikson einerseits die Notwendigkeit der Identitätsbildung herausstreicht, hält er zugleich fest, dass es sich dabei auch um einen dynamischen, lebenslangen Prozess handelt (vgl. Erikson 1956: 69). Von feministischer Seite wird an Eriksons Identitätskonzept kritisiert, dass er dieses vornehmlich auf den Erfahrungen von weißen – europäischen und nordamerikanischen – Männern der Mittelklasse gründet, während Frauen und andere minoritäre Gruppen aus der Theoriebildung ausgeschlossen werden bzw. aus einer androzentrischen Perspektive betrachtet werden (Sorell/Montgomery 2009: 99f.).

Eriksons Identitätsmodell bildet in der Folge die Basis für zahlreiche nachfolgende psychoanalytische Identitätstheorien und die Debatte um „krankheitswertige Störungen“, die mit mangelnder Identität in Verbindung gebracht werden. In der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen spielt die Frage der Identität bzw. der Identitäts-Diffusion zum Beispiel eine wichtige Rolle. Otto Kernberg, der als zentrale Figur in der Arbeit mit Borderline-Patient*innen gilt, beschreibt die Identität des Ichs als dritte und höchste Stufe der Internalisierung von Objektbeziehungen. Erikson folgend stellt für Kernberg die Identität des Ich das Ergebnis seiner synthetisierenden Funktion dar. Dadurch entsteht eine Kontinuität des Selbst und des Selbst-Bildes, eine konsistente Konzeption der Welt der Objekte und eine auch für andere wahrnehmbare konsistente Interaktion mit der Umwelt. Kernberg hebt im Unterschied zu Erikson hervor, dass sich die Identität allein auf das Ego bezieht und die anderen Bereiche des psychischen Apparates etwa das Über-Ich nicht miteinschließt. D. h. es geht Kernberg nur um eine partielle Identität. Dennoch ist es das Ego, das eine harmonisierende Struktur schafft, indem frühere Identifizierungen partiell ersetzt werden. Ziel der Behandlung von Borderline-Patient*innen ist es zu einer kohärenten, realistischen und stabilen Identität zu gelangen (vgl. Kernberg 1966: 242f.; Kernberg et al 2009: 275).

Ein wichtiger Proponent der anderen Richtung, die „Identität“ vor allem in Form von Geschlechtsidentität als Ergebnis der psychosexuellen Entwicklung in der Psychoanalyse konzipiert, ist Robert Stoller. Sein Ansatz hatte auch außerhalb der Psychoanalyse großen Einfluss. Stoller geht von einer Kerngeschlechtsidentität aus, deren Entwicklung von Geburt an beginnt: „Almost everyone starts to develop from birth on a fundamental sense of belonging to one sex. The child’s awareness – „I am a male“ or „I am a female“ – is visible to an observer in the first year or so of life. This aspect of one’s over-all sense of identity can be conceptualized as a core gender identity, produced by the infant-parents relationship, by the child’s perception of its external genitalia, and by a biologic force that springs from the biologic variables of sex“ (Stoller 1968: 29f.). Während sich die Geschlechtsidentität erst in der Adoleszenz voll entwickelt, ist die Kerngeschlechtsidentität schon vor dem Eintritt in den für Freud wichtigen Ödipuskomplex Stoller zufolge vollständig ausgeprägt. Ödipale Konflikte wie Kastrationsangst und Penisneid treten mit Stoller erst zu jenem Zeitpunkt auf, an dem die Kerngeschlechtsidentität bereits ausgeprägt ist. Der Ödipuskomplex spielt damit in der geschlechtlichen Entwicklung im Unterschied zu Freud eine nachrangige Rolle.

Stoller zufolge gibt es nur wenige Beispiele innerhalb der psychischen Entwicklung, in der sich keine Kerngeschlechtsidentität entwickeln kann – z. B. führen manche Formen des Hermaphrodismus dazu, dass das Geschlecht noch in der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter ohne große Erschütterungen gewechselt werden kann. In allen anderen Fällen von psychischer Entwicklung ist die Kerngeschlechtsidentität Stoller zufolge vollkommen transparent und bleibt konstant, sie ersetzt, so könnte man zusammenfassend festhalten, die Biologie und wird zum neuen „wahren Geschlecht“. Ausgehend von diesem neuen „wahren Geschlecht“ nimmt Stoller dann die Klassifikation geschlechtlicher Erscheinungsformen vor: „Männliche Transvestiten“ sind Stoller zufolge Menschen mit männlicher Kerngeschlechtsidentität, d. h. sie wissen, dass sie Männer sind, verstehen sich als solche, kleiden sich jedoch weiblich. (vgl. ebd. 30). Bei Transsexuellen korrespondiert Stoller zufolge einfach die Kerngeschlechtsidentität nicht mit dem biologischen Geschlecht.

Stollers Ansätze zur Kerngeschlechtsidentität basieren auf der Unterscheidung von Sex und Gender, wobei er den biologischen Voraussetzungen ein großes Gewicht in der Herausbildung der Kerngeschlechtsidentität zugesteht. Abweichungen von der Norm kommen Stoller zufolge durch eine problematische frühe Mutter-Kind-Beziehung zustande. Obwohl Stoller Abweichungen von der geschlechtlichen Norm nicht mit den „anderen“ Perversionen (Sadismus, Masochismus) in einen Topf werfen möchte, hat sein Konzept zu einer weiteren Pathologisierung und zur Beschreibung des psychiatrischen Krankheitsbildes Gender Dysphoria bzw. Gender Identity Disorder beigetragen. Obwohl Stoller einräumt, dass es genetisch viele Varianten von Geschlechtern gibt, hält er dennoch an der Norm der Zweigeschlechtlichkeit fest. Statt die Vielfalt schlicht anzuerkennen, sucht Stoller nach den Ursachen der Abweichung. Und die Suche nach der Ursache konstituiert automatisch den Bereich der Norm zusammen mit ihrer Abweichung. Dabei wird oftmals vergessen, dass jedes Subjekt, dass wir also letztendlich alle, eine individuelle und komplexe Entwicklungsgeschichte haben und dass so etwas wie eine Norm ein Phantasma darstellt.

Robert Stoller hat den Begriff „Gender“ zwar nicht erfunden aber wesentlich mitgeprägt und zu seiner Verbreitung in psychiatrischen und medizinischen Diskursen beigetragen. Gender diente Stoller als Erklärung dafür, warum biologische Gegebenheiten nicht zwangsläufig mit sozialen Phänomenen korrespondieren. Was zunächst recht fortschrittlich klingen mag, offenbart rasch seine Schattenseiten. Und an dieser Stelle wird auch die eingangs erwähnte diskursive Verbindung von Trans*, Identität und Gender in den 50er Jahren deutlich. Sowohl das Konzept Gender als auch seine Verbindung mit Identität dienen in den Diskursen der 50er und 60er des vergangenen Jahrhunderts und zum Teil noch weit darüber hinaus der Sicherung der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit. Männlich und Weiblich sind zwar nicht zwangsläufig rein biologisch zu erklären, mit dem Begriff der Geschlechtsidentität hat man die Zweigeschlechtlichkeit aber gerettet und es gelingt all jene, die so offensichtlich nicht in dieses System passen, dennoch irgendwie passend zu machen. Denken wir an den mittlerweile glücklicherweise gefallenen Operationszwang für Trans* oder den Alltagstest. Dabei geht es nicht darum, wie jemand gut leben kann, sondern darum, dass jemand im „wahren“ Geschlecht gut leben muss, und es wird psychiatrisch und therapeutisch exploriert und diagnostiziert, welches das „wahre“ Geschlecht ist und analysiert, ob es sich nicht um eine andere psychische Störung handelt, die auch mit Identitätsproblematiken in Zusammenhang gebracht werden kann. (vgl. Schütze 2009: 80f). Das Geschlecht wird also zu einem psychiatrischen, medizinischen und therapeutischen Symptom, dessen originärer Charakter diagnostiziert werden muss. Transsexualität schien dann akzeptabel, wenn die Umsetzung heterosexuellen Begehrens damit zu bewerkstelligen war; andere Begehrenskonstellationen schienen undenkbar und mit Trans* nicht vereinbar. Bei Geschlechtsüberschreitungen wirkt der Gender-Begriff, wie Barbara Schütze anmerkt, ordnungsstiftend, er „reduziert die Grenzüberschreitung auf eine behandelbare Identitätsstörung und gewährleistet die gesellschaftliche Reintegration der/des Transsexuellen“ (80f.).

Neben Trans, das zum paradigmatischen Fall der Identitätsproblematik wurde, wird auch Homosexualität in der Psychoanalyse oftmals mit einer letztlich heteronormativen Struktur erklärt: In Freuds Konzeption des Ödipuskomplexes begehren Lesben andere Frauen deshalb, weil sie selbst männlich identifiziert sind, Schwule begehren andere Männer, weil sie selbst weiblich identifiziert sind. Somit stellt auch diese Erklärung in sich die heteronormative Ordnung wieder her.

Es ist meiner Auffassung nach wichtig, die nicht-feministische und nicht-queere Geschichte des Gender-Begriffs im Auge zu haben, da dieser Gender-Begriff nach wie vor auch dazu herangezogen wird, heteronormative Identitäten zu rekonstruieren. Und es ist ebenso wichtig queere Perspektiven in die Psychoanalyse integrieren, um die permanent sich herstellende heteronormative Zweigeschlechtlichkeit zu dekonstruieren.

Es stellt sich die Frage, ob die Psychoanalyse das Konzept der Identität wirklich als theoretisch ausgearbeitetes Konzept braucht, ohne das sie übrigens sehr lange ausgekommen ist?

Wie schon zu Beginn erwähnt, denkt Freud die Psyche des Menschen als „wesenhaft“ konflikthafte Spannung zwischen Ich, Es und Über-Ich – zwischen Bewusst und Unbewusst. Ein dynamisches System, das in permanenter Veränderung begriffen ist und dennoch bestrebt ist, ein Gleichgewicht zu halten. Freud greift in seiner Konzeption der Psyche vielfach auf physikalische Vorstellungen von Kräfteverhältnissen zurück. Systeme, die in permanenter Veränderung begriffen sind und sich nicht fixieren lassen. Darum geht es auch in queeren Ansätzen. Queer beschreibt so etwas wie eine Nicht-Identität, eine „Kategorie“, die sich einer Stabilisierung durch eine Fixierung auf Identität entzieht. „Acknowledging the inevitable violence of identity politics and having no stake in its own hegemony, queer is less an identity than a critique of identity“ (Jagose 1996: 131).

Neben Freud, der das Subjekt in diesem Spannungsverhältnis denkt, gibt es einen anderen vielversprechenden Ansatz, wie wir das Subjekt denken können, das Bedeutung hat und Bedeutung erzeugen kann und zugleich nicht identisch und kohärent ist. Ein solches Subjekt findet sich in den Arbeiten der Philosophin, Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva. Sie denkt ein Subjekt im Prozess, wobei hier sowohl das Subjekt als auch die mit ihm einhergehende Sinngebung immer nur vorläufige und unabgeschlossene Setzungen und keine endgültigen Fixierungen sind.

Kristevas Subjekt im Prozess hat Verbindung zum Semiotischen, der triebhaften und körperlichen Basis der Sinngebung und des Symbolischen. Diese aus Trieben, Stasen, den körperlichen, natürlichen, gesellschaftlichen Zonen, Formen, Farben, Klängen, Organen usw. bestehende Ebene ist jedoch nicht als essentialistischer Grund oder als Wahrheit des Subjekts zu verstehen. Dies ist der Unterschied zur Schizophrenie, die in eben jenem „Grund“ aufgeht, die also im Realen bleibt – gerade ohne Bedeutung stiften zu können. Im Unterschied zur Schizophrenie befindet sich das Subjekt im Prozess im Prozess der Sinngebung, in der Sprache, im Symbolischen. Jedoch in einem Symbolischen, das nicht – wie Jacques Lacans Symbolisches – durch den von feministischer Seite zu Recht viel kritisierten Phallus vereinheitlicht wird. Kristeva bringt das Subjekt im Prozess und seine Potentialität eher mit jenen Prozessen in Zusammenhang, die sich in der Produktion von Kunst vollziehen, in denen es nicht nur eine Setzung, eine Repräsentation, eine Bedeutung gibt, sondern in der der Prozess der Setzung offen bleibt, in der der Moment, der eine Bedeutung setzt, beweglich bleibt und multiple, vielfältige und widersprüchliche Bedeutungen auftreten und so permanente Veränderung möglich ist, ohne dass man dies unter einer Pathologie subsumieren müsste. Kristeva nennt dieses Subjekt auch Trans-Subjekt (Kristeva 1998: 169).

Julia Kristeva beschäftigt sich damit auch mit jenem Problembereich, den Judith Butler immer wieder aufgreift. Wie werden andere Formen des Lebens, die nicht der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit entsprechen, die sich der Fixierung auf eine Bedeutung entziehen, intelligibel, ohne sofort von diesem System normalisiert zu werden. Wie kann queer, wie können queere Nicht-Identitäten Bedeutung haben und dennoch in Bewegung bleiben und sich nicht fixieren lassen.

In der Psychoanalyse gibt es also sehr wohl Ansätze, die mit queeren Positionen und Kritiken vereinbar sind. Ansätze dazu finden sich schon bei Freud. Leider ist auch die Psychoanalyse nicht frei von eben jenen diskursiven Strategien, die einhegen, fixieren, feststellen, auf einen Punkt bringen. So wurden die dezentrierenden Momente in der Psychoanalyse – das Subjekt im Spannungsfeld von unbewussten Trieben und Wünschen, bestehend aus Ich, Es und Über-ich, oder die sogenannte polymorph perverse Lust, die an allen Körperteilen auftreten kann und sich nicht unter das Genitalprimat unterordnet – im Ödipuskomplex und der weiteren psychoanalytischen Entwicklungstheorie rezentriert, dem phallischen Prinzip untergeordnet und somit Ausgangspunkt für die Diagnose und Konstruktion psychischer Erkrankungen.

Es ist an der Zeit, die Psychoanalyse wieder zu dezentrieren und zu dekonstruieren, und ich denke, dass hierfür die Queer Theory eine wichtige Grundlage liefert.

Dieser Vortrag versteht sich als ein Work-in-Progress; eine umfassendere Arbeit zum Thema Identität erscheint im Sammelband „Queering Psychoanalysis“ (hg. von Esther Hutfless und Barbara Zach; Zaglossus, Herbst 2017).

 

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu auch Puar 2007: Jasbir K. Puar prägte den Begriff „Homonationalism“. Sie beschreibt in ihrem Buch Terrorist Assamblages: Homonationalism in Queer Times die Tendenz, dass zunehmende Inklusion und Anerkennung von Schwulen und Lesben durch westliche Staaten zugleich einhergehen mit der „segregation and disqualification of racial and sexual others from the national imaginary“ (Puar 2007: 2).
[2] Der Begriff der „Identität“ eines Individuums taucht zwar schon 1919 bei Victor Tausk in der Schrift über den „Beeinflussungsapparat“ auf, kann sich jedoch zu dieser Zeit noch nicht als umfassendes Konzept etablieren.

 

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