Warum Psychoanalytiker*innen politisch nicht schweigen sollten – Zum Verhältnis Politik und Psychoanalyse

Esther Hutfless

Postdemokratie, Trumpismus, die Postfaktische-Ära, … wie auch immer man dieses gegenwärtige Zeitalter benennen möchte, in dem Rassismus, Misogynie, Hetze, Ideologie, Falschmeldungen, Propaganda, Antisemitismus, Nationalismus, völkisches Denken usw. wieder ungeniert ausgebreitet wird – Ansätze einer psychoanalytischen Kulturtheorie können ein Instrumentarium liefern, um derartigen Phänomenen mit differenzierten Analysen auf den Grund zu gehen. Sigmund Freud hat die Psychoanalyse von Beginn an nicht nur als Behandlungsmethode sondern auch als Kulturtheorie entworfen. Seine Massenpsychologie von 1921 lieferte wichtige Impulse für spätere Faschismustheorien und die politischen Debatten und Analysen nach dem zweiten Weltkrieg. Die Psychoanalyse hat sich mit Analysen immer schon in den kulturtheoretischen Diskurs eingebracht und sie tut dies nach wie vor.

Zugleich gibt es aber auch ein Schweigen von psychoanalytischer Seite: Es gibt so etwas wie ein ungeschriebenes aber wirkmächtiges Gesetz, dass Psychoanalytiker*innen das politische Engagement und eine politische Stimme im Diskurs zu verbieten scheint. Horst-Eberhard Richter weist darauf hin, dass sich die Psychoanalytiker*innen der ersten Generation noch voller Reformelan in verschiedene gesellschaftliche Bereiche wie Kindererziehung, Pädagogik, Heimpflege, Kriminologie etc. einbrachten und wichtige Akzente mit sozialen Projekten setzten. Mit der Bedrohung durch den Nationalsozialismus wurde die Psychoanalyse jedoch einer radikalen Entpolitisierung unterzogen. In Wien wurde Analytiker*innen untersagt sich politisch zu betätigen und politisch engagierte Pantient*innen zu analysieren (Richter 2004). Nach dem Ausschluss von jüdischen Mitgliedern haben sich einige psychoanalytische Institute unter dem Deckmantel der Neutralität relativ rasch in das neue Regime eingefügt (vgl. Nitzschke o. A.). Wie Richter ausführt, charakterisiert ein „weitgehend apolitisches Selbstverständnis […] seitdem den Mainstream der Psychoanalyse. Das machte sich bald auch dadurch bemerkbar, dass die Institute gut angepasste Kandidaten für die Ausbildung bevorzugten. Im angepassten Kandidatentyp spiegelte sich eine angepasste Psychoanalyse wider, die auf ihren internationalen Kongressen jedes gesellschaftskritische Thema vermied“ (Richter 2004).

Diese vermeintliche Neutralität scheint heute noch als zentrales Diktum zu gelten. Sich politisch zu äußern, wird oft als anti-psychoanalytisch oder moralisch abgetan. Auf Diskriminierungen innerhalb der Psychoanalyse hinzuweisen, wird oftmals mit dem Argument abgewehrt, dass der Psychoanalyse dadurch eine politische Ideologie übergestülpt würde. So berichtet der Analytiker* Jack Pula, dass ihm* von einem führenden Psychoanalytiker seines Ausbildungsinstituts unmittelbar nach seinem Coming-out als Trans, gesagt wurde, dass er die Wahl hätte, „entweder politisch aktiv zu werden oder ernsthaft die Disziplin der Psychoanalyse zu studieren und zu erlernen“ (Pula 2017: 624). Darüber hinaus scheint die Psychoanalyse politische Praxis vornehmlich über den Begriff des acting out zu konzeptualisieren und damit als Widerstand gegen das Erinnern bzw. gegen die Übertragung abzuwerten.

In den Anfängen der Psychoanalyse schien es diese kategorische Trennung zwischen der Psychoanalyse und dem Politischen nicht in der heute geltenden Rigidität, bzw. unter dem Diktum der Neutralität gegeben zu haben. Freud war, wie Andreas Peglau in seinem umfangreichen Werk Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus herausgearbeitet hat, in Bezug auf eine gesellschaftskritische und politische Stimme der Psychoanalyse ambivalent und „neigte zum Ende seines Lebens dazu, dieses Erfordernis zu leugnen“ (vgl. Peglau o. A.). Hatte Freud noch 1910 geschrieben: „Die Gesellschaft muß sich im Widerstand gegen uns befinden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, daß sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat“ (Freud 1910: 111, 115; zitiert nach Peglau o. A.) und im gleichen Jahr, wie Peglau ausführt, Alfred Adler dazu eingeladen hat beim IPV-Kongress darzulegen, ob die Psychoanalyse nicht „zu einer ganz bestimmten freiheitlichen, in Erziehung, Staat und Religion reformatorischen [Weltanschauung; Einf. A. P.] drängt, die notwendiger Weise die Anhänger der P(sycho) A(nalyse) zum Anschlusse an eine gewisse Partei im praktischen Leben auffordert“ (Peglau 2013: 272), so spricht Freud 1914, in seiner Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, von der „unerfüllbare[n] Forderung“, dass sich die Psychoanalyse „in den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung“ stelle (Freud 1914: 71; zitiert nach Peglau o. A.) und 1927 sieht er die Psychoanalyse als „objektive ‚Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie etwa die Infinitesimalrechnung‘“ (Freud 1927: 360; zitiert nach Peglau o. A.).

Ernst Federn, der selbst wegen politischer Betätigung sechs Jahre im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war, rechtfertigte das Analyseverbot das durch seinen Vater Paul Federn während der Zeit des totalitären Nazi-Regimes ausgesprochen wurde: „Federn [gemeint ist hier Paul Federn] war völlig im Recht, denn bereits die Ausübung eines politischen Amtes, das zur Verschwiegenheit verpflichtet, war schon von jeher mit einer Psychoanalyse unvereinbar. Bei der illegalen Arbeit kam noch hinzu, daß im Falle der Verhaftung einer in Psychoanalyse befindlichen Person mit größter Wahrscheinlichkeit ein Polizeiverhör des Psychoanalytikers erfolgen würde, was das Risiko einer längeren Inhaftierung mit sich brachte. […] Für Juden bedeutete das die unmittelbare Gefahr, in ein Konzentrationslager zu kommen. Hätte Federn sein Verbot nicht erlassen, wäre die Liste der Opfer des Nazismus unter Psychoanalytikern vielleicht noch länger geworden“ (Federn 1985: 371). Dennoch tritt Federn an anderer Stelle – Peglau zitiert Federn aus Ein Leben mit der Psychoanalyse. Von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien – sehr wohl dafür ein, die Stimme zu erheben: „Die Psychoanalyse hängt von der Freiheit des Individuums ab, in die analytische Vereinbarung ohne Furcht vor irgendeiner – sei es einer sozialen, ökonomischen, religiösen oder politischen – Einmischung einzutreten. Dies ist die condition sine qua non der psychoanalytischen Arbeit. Deshalb kann ein Psychoanalytiker Kräften gegenüber, die diese Freiheiten einschränken, nicht neutral sein“ (Federn 1999: 243; zitiert nach Peglau o. A.).

Der us-amerikanische Psychoanalytiker Richard Brouillette fragt in Bezug auf die aktuellen politischen Entwicklungen: „[W]hat happens when one side of the political spectrum is objectively wrong, objectively authoritarian, objectively a threat to the people and vital civic institutions?“ (Brouillette 2016) Die Psychoanalyse hat sich dem Prozess des Bewusstmachens, der Aufklärung verschrieben. Können Psychoanalytiker*innen also neutral bleiben, auch wenn die destruktiven, sadistischen und das Subjekt einschränkenden Kräfte in einer Gesellschaft überhand nehmen? Oder sind sie nicht gefordert gerade dort zu intervenieren, wo Spaltungen auftreten, wo die Destruktion nicht nur im klinischen Setting sondern auch im gesellschaftlichen Feld überhand nimmt?
„Silence“, schreibt die Psychoanalytikerin Hanna Segal, „is the real crime against humanity“ (Segal 1987).

 

Literatur:

Brouillette, Richard (2016): 2016 as Turning Point: Psychoanalysts Can No Longer Be Silent on Political Issues and Remain Competent. https://psychoanalyticactivist.com/2016/10/23/2016-as-turning-point-psychoanalysts-can-no-longer-be-silent-on-political-issues-and-remain-competent/ (Zuletzt abgerufen: 23.2.2018).

Federn, Ernst (1985): Weitere Bemerkungen zum Problemkreis »Psychoanalyse und Politik«. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 39(4): 367-374.

Freud, Sigmund (1910): Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. GW Band 8, 103-115. Frankfurt/M.: Fischer.

Freud, Sigmund (1914): Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. GW Band 10, 43-113. Frankfurt/M.: Fischer.

Freud, S. (1927). Die Zukunft einer Illusion. In ders.: GW Band 14, 325-380. Frankfurt/M.: Fischer.

Nitschke, Bernd (o. A.): Psychoanalyse und Nationalsozialismus. Verbot oder Anpassung? Bruch oder Kontinuität? In: Phase 2 Zeitschrift gegen die Realität. Online unter: http://phase-zwei.org/hefte/artikel/psychoanalyse-und-nationalsozialismus-31/ (Zuletzt abgerufen: 23.2.2018).

Peglau, Andreas (o. A.): Wie funktioniert politische Psychoanalyse? (Zur Bedeutung Ernst Federns). http://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wie-funktioniert-politische-psychoanalyse1/ (Zuletzt abgerufen: 24.2.2018).

Peglau, Andreas (2013): Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Psychoanalysis and Politics, Call for Papers: Action – A Limit of Psychoanalysis? http://www.psa-pol.org/?p=222. (Zuletzt abgerufen: 25.2.2018).

Pula, Jack (2017): Gender aus der Perspektive der Transgender-Erfahrung. In: Hutfless, Esther/Zach, Barbara (Hg.): Queering Psychoanalysis: Psychoanalyse und Queer Theory – Transdisziplinäre Verschränkungen. Wien: Zaglossus, 589-629.

Richter, Horst-Eberhard (2004): Psychoanalyse und Politik: Das Unbehagen für kritische Aufklärung nutzen. In: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe Juni 2004. Online unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/42298/Psychoanalyse-und-Politik-Das-Unbehagen-fuer-kritische-Aufklaerung-nutzen (Zuletzt abgerufen: 23.2.2018).

Segal, Hanna (1987): Silence is the Real Crime. In: International Review of Psychoanalysis. Vol. 14., No 3.

 

 

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