Psychoanalyse und Identität – Zur Kritik einer Illusion

Esther Hutfless

Vortrag gehalten im Rahmen von „Feminismen diskutieren“ des Verbandes feministischer Wissenschafteri*nnen am 8. November 2016 im depot Wien.

Ich möchte mich in meinem Beitrag kritisch mit dem Identitätsdenken in der Psychoanalyse aus queerer Perspektive auseinandersetzen. Der Begriff bzw. das Konzept „Identität“ stellt ursprünglich kein freudianisches bzw. psychoanalytisches Konzept dar, sondern hat erst sehr spät – in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts – in die psychoanalytische Theorie Eingang gefunden. Seither hält es sich jedoch recht nachhaltig innerhalb der Psychoanalyse, und zwar vor allem wenn es um Geschlechterfragen geht und darum die Queer Theory zu kritisieren und zu pathologisieren. Weiterlesen

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Vom Ankommen im Mainstream und dessen unangenehmen Antworten – zur aktuellen Gender-Debatte

Esther Hutfless

Es gibt immer wieder Kommentare, Artikel und Beiträge zum Thema Geschlecht bzw. Geschlechtertheorien, die, so scheint es, Gender Studies, Queer Theory und Feministische Theorie nicht als komplexe und weit verzweigte wissenschaftliche Diskurse und Disziplinen wahrnehmen und darum meinen, ausgehend vom Hörensagen, von unreflektierten Vorab-Urteilen oder bewussten Fehlinterpretationen argumentieren zu können.
Wie soll man da antworten? Soll man überhaupt? Weiterlesen

Hat die Psychoanalyse den Körper je schon gedacht?

Esther Hutfless

Als Philosoph_in und Queer-Theoretiker_in beschäftige ich mich lange schon mit Körpern. Mit der Frage ihrer Konstruktion und Dekonstruktion, ihrer Eingebundenheit in Diskurse, ihrer Geschlechtlichkeit; ich beschäftige mich mit Körpern, die zugleich auch Materie sind und als solche einen Eigensinn haben, mit Körpern, die als Materie mit anderer Materie und anderen Körpern interagieren, sie formen und von ihr/ihnen geformt werden,[1] mit dem, was ein Körper vermag, mit Körpern als zentralem Wahrnehmungsorgan, das uns in der Welt situiert. Diese Situierung ist nicht beliebig. Schwarze, weiße, weibliche, männliche, disabled oder queere Körper sind den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gemäß jeweils anders situiert, ihre Vermögen werden jeweils anders beschränkt und gelenkt, sie werden anders im Raum verteilt.
Körper haben auf unterschiedlichste Weise Gewicht. Weiterlesen

Queer Theory: Antwort auf einige Vorurteile

Esther Hutfless

Der Besuch eines psychoanalytischen Vortrages zu Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen und die dort geführten Diskussionen zum Begriff queer und zu Fragen von Geschlecht und Gender bewegen mich dazu auf jene Vorurteile näher einzugehen, die offenbar innerhalb der Psychoanalyse sowohl gegenüber queeren Theorien als auch gegenüber der Geschlechterforschung kursieren, die zu einem falschen und verkürzten Verständnis dieser Ansätze führen und dadurch Gefahr laufen, Vorurteile gegenüber jenen Menschen fortschreiben, die sich auf vielfältige Weise nicht der Geschlechterdichotomie konform identifizieren. Weiterlesen

Differenzen denken: Männlichkeiten

Rezension zu: Ilka Quindeau, Frank Dammasch (Hg.): Männlichkeiten. Wie weibliche und männliche Psychoanalytiker Jungen und Männer behandeln. Klett-Cotta, Stuttgart 2014.

von Esther Hutfless

Das neue Buch von Ilka Qindeau und Frank Dammasch stellt nicht bloß eine psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Thema „Männlichkeit“ dar, sondern arbeitet mit wichtigen Akzentverschiebungen, um sich diesem Thema zu nähern. Weiterlesen

Überlegungen zur Frage der Geschlechtsidentität (Gender-Identity) in der psychoanalytischen Theorie

Esther Hutfless

Gender als sozial konstruiertes und gelebtes Geschlecht ist ein zentrales Konzept in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften und prägt aktuelle feministische und queer-theoretische Debatten um Geschlechtlichkeit wesentlich. Gender wird zwar als Konstrukt verstanden, das bedeutet jedoch nicht, dass damit der Körper bzw. das „Biologische“ zum Verschwinden gebracht würde. Das soziale Geschlecht ist nicht etwas, das einem biologisch vorgängigen Geschlecht aufgeprägt oder übergestülpt würde. Vielmehr sind biologische und soziale Aspekte untrennbar ineinander verwoben: „Das ‚biologische Geschlecht‘ ist demnach nicht einfach etwas, was man hat, oder eine statische Beschreibung dessen, was man ist: Es wird eine derjenigen Normen sein, durch die ‚man‘ überhaupt erst lebensfähig wird, dasjenige, was einen Körper für ein Leben im Bereich kultureller Intelligibilität qualifiziert.“ (1) Weiterlesen

Filmbesprechung Tomboy (2011)

Michael M. Kurzmann

Tomboy (2011) ist der zweite Spielfilm der französischen Drehbuchautorin und Filmregisseurin Céline Sciamma. Der Film schildert die Geschichte der zehnjährigen Laure, die den erneuten Umzug ihrer Familie nutzt, um sich in der neuen Umgebung als Junge namens Mikaël auszugeben – zunächst ohne das Wissen der Eltern und der jüngeren Schwester Jeanne.
In einem ruhigen, unaufgeregten, fast leichtfüßigen Stil erzählt der Film die Geschichte eines Sommers und der gleichzeitig existenziellen Thematik der Geschlechtsidentität(en). Weiterlesen

Freiberg 2014 oder die Hemmung über Homosexualität zu sprechen

Barbara Zach

Freiberg war nicht frei. Der freien Rede ging unter der drückenden Last des psychoanalytischen Erbes die Luft aus. Freiberg war auch kein Monte Veritá, der zur Erprobung neuen psychoanalytischen Denkens eingeladen hätte. Oder vielleicht doch, es gab die Einladung, doch niemand folgte ihr, obwohl viele gekommen waren. Zu groß war die Angst. War die Farbe des Tagungstitelblattes daran schuld? Unübersehbar prangte da das Thema „Homosexualitäten“ auf rosa Untergrund. „Was ist eigentlich die Farbe der Heterosexualität“, fragte Beate Hofstadler eingangs, „rosa und blau“ war die Antwort darauf und gleichzeitig das Schlusswort der Tagung von August Ruhs. Zwischen der Frage und der Antwort breitete sich eine beachtliche Lähmung unter den Teilnehmer_innen aus. Weiterlesen