Überlegungen zur Frage der Geschlechtsidentität (Gender-Identity) in der psychoanalytischen Theorie

Esther Hutfless

Gender als sozial konstruiertes und gelebtes Geschlecht ist ein zentrales Konzept in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften und prägt aktuelle feministische und queer-theoretische Debatten um Geschlechtlichkeit wesentlich. Gender wird zwar als Konstrukt verstanden, das bedeutet jedoch nicht, dass damit der Körper bzw. das „Biologische“ zum Verschwinden gebracht würde. Das soziale Geschlecht ist nicht etwas, das einem biologisch vorgängigen Geschlecht aufgeprägt oder übergestülpt würde. Vielmehr sind biologische und soziale Aspekte untrennbar ineinander verwoben: „Das ‚biologische Geschlecht‘ ist demnach nicht einfach etwas, was man hat, oder eine statische Beschreibung dessen, was man ist: Es wird eine derjenigen Normen sein, durch die ‚man‘ überhaupt erst lebensfähig wird, dasjenige, was einen Körper für ein Leben im Bereich kultureller Intelligibilität qualifiziert.“ (1)
Der Ansatz, Geschlecht als Konstruktion zu fassen, ist auch der Psychoanalyse nicht fremd. Einsatzpunkte zu einem Konzept von gender im weitesten Sinne finden sich bereits in der psychoanalytischen Theorie Freuds. Freud fasst die Art und Weise wie Geschlecht und Sexualität gelebt wird, wie die Triebe sich ihren Weg bahnen und sich körperlich einschreiben, nicht als bloßes biologisches Faktum auf sondern als etwas, das im Zuge der kindlichen Entwicklung und in weiterer Folge in der Bearbeitung des Ödipus-Komplexes durch Identifizierung und Verwerfung angenommen wird. Weiblichkeit und Männlichkeit entstehen also bei Freud letztlich durch die Identifizierung mit dem weiblichen oder dem männlichen Elternteil. (2)

 

Zwei Arten gender zu denken

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in den verschiedenen theoretischen Diskursen zum Thema gender zumeist zwei Varianten finden dieses zu verstehen. Einerseits erscheint gender als relativ stabil gewordenes soziales Geschlecht, das die patriarchal-heteronormative Vorherrschaft zwar nicht mehr biologistisch sondern sozial erklärt, wodurch männliche und weibliche Zuschreibungen hinterfragbar werden, die beiden Pole Frau/Mann, weiblich/männlich werden zumeist jedoch nicht dekonstruiert. Andererseits wird gender bzw. Geschlechtsidentität im Sinne einer Vervielfältigung und Destabilisierung eher wuchernd, fluide, fließend und uneindeutig verstanden – weniger als fremdbestimmt sondern vielmehr als etwas, das experimentell und spielerisch mit den eigenen Erfahrungen und dem eigenen Begehren in Einklang gebracht werden kann, bzw. als etwas, das im Sinne einer subversiven Praxis angeeignet wird, um traditionelle Geschlechternormen zu dekonstruieren.
Dieses Wuchern zeigt sich beispielhaft im sozialen Netzwerk facebook, das deutschen User_innen seit Februar 2014 die Wahl aus 60 Geschlechtsidentitäten ermöglicht: androgyn, weiblich, Frau zu Mann (FzM), gender variabel, genderqueer, intersexuell (auch inter*), männlich, Mann zu Frau (MzF), weder noch, geschlechtslos, Pangender, trans, Transmann, Transmensch, Transfrau, trans*, trans* weiblich, trans* männlich, Trans* Mann, Trans* Mensch, Trans* Frau, Transgender, transgender weiblich, transgender männlich, transmaskulin, transsexuell, transsexueller Mann, transsexuelle Person, transsexuelle Frau, Inter*, Inter* weiblich, Inter* männlich, Inter* Mann, Inter* Frau, Inter* Mensch, intergender, intergeschlechtlich, zweigeschlechtlich, Zwitter, Hermaphrodit, XY-Frau, Butch, Femme, Drag, Transvestit, Cross-Gender (3) … sind nur einige der Möglichkeiten.
Aus queer-theoretischer Perspektive sind derartige Identifizierungsmöglichkeiten grundsätzlich zu begrüßen aber dann kritisch zu hinterfragen, sofern sie sich stabilisieren und als Kern-Identitäten Ausschlüsse produzieren. In diesem Sinne könnte man die beiden Varianten gender zu verstehen als verschiedene Formen der Setzung von Identität begreifen. Bei der ersten Variante wird eher von einer Kern-Identität ausgegangen, die sehr wohl subjektstiftend ist, bei der zweiten „queeren“ Lesart von gender wird Geschlecht als Kern-Identität hinterfragt. Gerade diese Variante scheint jedoch psychoanalytischen Perspektiven Geschlecht, bzw. dessen Aneignung und dessen subjektkonstituierenden Charakter zu denken diametral entgegengesetzt. Ich möchte im Folgenden versuchen diese queere Lesart von gender bzw. Geschlechtsidentität dennoch mit psychoanalytischen Konzepten in Verbindung zu bringen, da diese Ansätze meiner Ansicht nach vielversprechend sind, um das Primat der Zweigeschlechtlichkeit in der Psychoanalyse zu hinterfragen und queere Lebens- und Begehrensweisen psychoanalytisch zu verstehen. Insbesondere queere Menschen erleben ihre geschlechtliche und sexuelle Existenz in einer Gesellschaft, die auf bestimmten heterosexuellen Idealen von Männlichkeit und Weiblichkeit basiert, oftmals als nicht existent, unsichtbar, unintelligibel und unbenennbar. Das Bedürfnis vielfältige Formen von Geschlecht zu denken, hat keineswegs mit der so oft unterstellten postmodernen Beliebigkeit zu tun und stellt nicht bloß eine Laune des 21. Jahrhunderts dar: alternative Geschlechtsidentitäten jenseits von männlich und weiblich finden sich in allen historischen Epochen auf allen Kontinenten und in allen Kulturkreisen, mensch denke an die KVs der 20er Jahre, die Two-Sprits Nordamerikas, Hijras in Indien, und viele andere mehr …

 

Geschlechts- bzw. sexuelle Identität

Die Frage, wie sich die gender- bzw. sexuelle Identität (4) zusammensetzt hat Eve Kosovsky Sedgwick am vielschichtigsten beantwortet. Das, was gemeinhin als Gender- oder Sexuelle Identität verstanden wird und was in den einfachen Zuschreibungen bzw. Identitäten Mann/Frau, homo/hetero kondensiert wird, besteht u.a. aus folgenden Komponenten:

„- your biological (e.g., chromosomal) sex, male or female;
– your self-perceived gender assignment, male or female (supposed to be the same as your biological sex);
– the preponderance of your traits of personality and appearance, masculine or feminine (supposed to correspond to your sex and gender);
– the biological sex of your preferred partner;
– the gender assignment of your preferred partner (supposed to be the same as her/his biological sex);
– the masculinity or femininity of your preferred partner (supposed to be the opposite of your own);
– your self perception as gay or straight (supposed to correspond to whether your preferred partner is your sex or the opposite)
– your preferred partners self perception as gay or straight (supposed to be the same as yours);
– your procreative choice (supposed to be yes if straight, no if gay);
– your preferred sexual act(s) (supposed to be insertive if you are male or masculine, receptive if you are female or feminine);
– your most eroticized sexual organs (supposed to correspond to the procreative capabilities of your sex, and to your insertive/receptive assignment)
– your sexual fantasies (supposed to be highly congruent with your sexual practice, but stronger in intensity);
– your main locus of emotional bonds (supposed to reside in your preferred sexual partner);
– your enjoyment of power in sexual relations (supposed to be low if you are female or feminine, high if you are male or masculine);
– the people from whom you learn about your own gender and sex (supposed to correspond to yourself in both respects);
– your community of cultural and political identification (supposed to correspond to your own identity);
… and—again—many more.” (5)

Allein diese Aufzählung zeigt, dass selbst klassische sexuelle Identitäten komplexe Konstrukte darstellen. In den Klammern verweist Sedgwick auf das gesellschaftlich erwartete: ein lesbisches Paar besteht also aus zwei Frauen, die sich beide als lesbisch verstehen während eine der beiden im Idealfall männlich und die andere weiblich identifiziert ist. Dieses Missverständnis wird auch in der psychoanalytischen Theorie immer wieder als klassischer Fall von weiblicher Homosexualität beschrieben.
Segdwick verweist darauf, dass die oben angeführte Aufzählung bestimmte Vorannahmen beinhaltet, die nicht für alle zutreffen müssen. Sexualität muss nicht zwangsläufig auf eine andere Person gerichtet sein, sie kann autoerotisch sein, sie kann auf mehrere Personen gerichtet sein, sie muss nicht zwangsläufig aus dem vermeintlichen biologischen Geschlecht ableitbar sein, sie kann jenseits des Paradigmas männlich/weiblich organisiert sein usw.
Die Komplexität von Geschlechtsidentität bzw. sexueller Identität queer zu denken, bedeutet mit Sedgwick also: das Offene, die vielfältigen Möglichkeiten, die Lücken, die Überlappungen, die Dissonanzen, die Überschreitungen von Bedeutungen da zu denken, wo sexuelle Identität und Geschlecht sich nicht vereindeutigen lassen. (6)

 

Queere Identitäten und die Frage der Identifizierung in der Psychoanalyse

Es scheint schwierig, wenn gar unmöglich, queere Identitäten – die sehr oft nicht ernst genommen und die häufig klinisch mit einer unausgereiften Persönlichkeitsstruktur in Verbindung gebracht werden – psychoanalytisch in einer Weise zu verstehen, die queere Identitäten nicht abwertet sondern affirmiert.
Die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau macht in ihrem Buch „Sexualität“ zur Problematik des Geschlechts in der Psychoanalyse einen vielversprechenden und wichtigen Vorschlag: „Statt eines dichotomen Geschlechterkonzepts, das Personen entweder der einen oder der anderen Kategorie zuordnet und das Männlichkeit bzw. Weiblichkeit als einander ausschließende Kategorien fasst, scheint es mir sinnvoller, das Geschlecht als Kontinuum zu begreifen. Männlichkeit und Weiblichkeit stellen jeweils Pole in einem Kontinuum dar, das unterschiedlichste Zwischenstufen, Mischungsverhältnisse und geschlechtliche Ausprägungen ermöglicht“ (7) Quindeau bezieht sich in ihren Arbeiten wesentlich auf Jean Laplanche, der Freud so versteht, dass „das Paar Männlichkeit–Weiblichkeit nur ein komplexes, spätes und zufälliges Resultat, ist, bei welchem der soziale Faktor die Hauptrolle spielt.“ (8)
Quindeau verweist darauf, dass die Annahme einer Geschlechtsidentität immer konflikthaft erfolgt und dass der Anspruch eine bestimmte Geschlechtsidentität anzunehmen von den Eltern und dem sozialen Umfeld an das Kind herangetragen wird. Sie verweist weiters auf Reimut Reiches Konzept einer „universellen unbewussten core gender ambiguity“, das an Freuds „konstitutionelle Bisexualität“ anknüpft und darüber hinaus auf Reiches Auffassung, dass Geschlechtsidentität nicht ausgehend vom Ödipus-Komplex entsteht, sondern ausgehend von der Laplanche’schen Verführungstheorie gedacht werden kann.
„Nach meiner Ansicht wird das Kind in dem Moment, in dem es als Junge oder Mädchen identifiziert wird – sei es prä- oder postnatal –, mit all dem konfrontiert, was es für seine Eltern (und darüber hinaus zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in einer gegebenen Kultur) unbewusst bedeutet, Junge oder Mädchen – oder auch nicht Junge oder nicht Mädchen zu sein. Dieser Bedeutungsgehalt ist eine Art Fremdkörper in der psychischen Struktur des Kindes und eine fortlaufende Arbeitsanforderung an das Kind.“ (9) Diese Anforderungen stellen mit Quindeau rätselhafte Botschaften der Eltern an das Kind dar, zu denen es sich verhalten muss. Man könnte ausgehend von Ilka Quindeaus Lesart der Laplanche’schen Verführungstheorie die Vielgestaltigkeit, die Geschlechtsidentitäten annehmen können – ein Prozess der niemals abgeschlossen ist, sondern beständigen „Umschriften“ und Entwicklungen unterliegt – als Versuch verstehen, sich im Feld elterlicher und gesellschaftlicher Ansprüche zu positionieren, wobei diese Positionierung nicht unabhängig von den frühen triebhaften Ansprüchen und den sexuellen Erregungen gedacht werden können, die sich von Beginn im Kind, das in Beständiger Interaktion mit seiner Umwelt steht, konstituieren.
Jene Wende in der Psychoanalyse die Entwicklung der Geschlechtsidentität nicht mehr primär vom Ödipus-Komplex – der nur die beiden Pole männlich und weiblich als Identifizierungsmöglichkeiten kennt – zu denken sondern ausgehend von der Verführungstheorie, wie es Ilka Quindeau mit Jean Laplanche vorschlägt, ermöglicht es, multiple queere Identitäten, die in einer Ambigutität zur gesellschaftlich geforderten Norm und für Entwicklungen offen bleiben, psychoanalytisch zu denken. Damit kann jenes eingangs skizzierte queere und fluide Verständnis von Geschlechtsidentität auch mit psychoanalytischen Theorien produktiv verbunden und gedacht werden.

 

Anmerkungen
(1) Judith Butler: Körper von Gewicht. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1997, S. 22.
(2) Vgl. u.a. Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Fischer, Frankfurt/Main 2014 (1905). Ders: Über infantile Sexualtheorien (1908). In: Ders.: Schriften über Sexualität. Fischer, Frankfurt/Main 2000.
Eine ausführliche Untersuchung zum komplexen Begriff der Sexualität im Werk Freuds siehe: Bernd Nitzschke: Die Bedeutung der Sexualität im Werk Sigmund Freuds: http://www.werkblatt.at/nitzschke/text/sexualitaet.htm.
(3) Vgl. http://www.sueddeutsche.de/digital/neue-funktion-in-deutschland-facebook-laesst-nutzer-aus-geschlechtsidentitaeten-waehlen-1.2116073
(4) Ich verwende gender- und sexuelle-Identität hier synonym. Sex und gender sind, wie Judith Butler in Körper von Gewicht aufzeigt untrennbar ineinander verwoben.
(5) Eve Kosofsky Sedgwick: Tendencies. Duke University Press, Durham 1993, S. 7.
(6) Ebd., S. 8.
(7) Ilka Quindeau: Sexualität. Psychosozial-Verlag, Gießen 2014, S. 84.
(8) Jean Laplanche: Neue Grundlagen für die Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011, S. 122.
(9) Ilka Quindeau: Sexualität. Psychosozial-Verlag, Gießen 2014, S. 162.

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